Demenz WG: Eine besondere Herausforderung

aus Leseraktion "Echo hilft"

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Mithelfen ist vor allem bei den jüngeren Demenzkranken eine wichtige Aufgabe. Foto: Guido Schiek

Adrienne Zehner ist Hauskoordinatorin der Demenz WG Waldmühle in Ober-Ramstadt. Sie spricht über den Alltag mit Demenzkranken, über Herausforderungen und die Besonderheiten der WG.

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OBER-RAMSTADT. Hauskoordinatorin Adrienne Zehner, gelernte Krankenschwester und „Mädchen für alles“ in der Demenz-WG Waldmühle in Ober-Ramstadt, erzählt aus ihrem Alltag und der Besonderheit der Wohngemeinschaft.

Mithelfen ist vor allem bei den jüngeren Demenzkranken eine wichtige Aufgabe. Foto: Guido Schiek
Adrienne Zehner, Hauskoordinatorin der Ober-Ramstädter Demenz-WG Waldmühle, ist „Mädchen für alles“. Foto: Guido Schiek

Bundesweit gibt es nur sehr wenige Angebote und Einrichtungen für jüngere Demenzkranke. Die Demenz-WG Waldmühle ist eine dieser wenigen Einrichtungen, die sich auch auf Frühbetroffene spezialisiert hat. Eine besondere Herausforderung?

Auf jeden Fall. Alleine die körperlichen Möglichkeiten, die jung Betroffene haben, stellen uns immer wieder vor Herausforderungen. Hier ist die Fitness einfach eine andere als bei über 80-Jährigen. Kurze Spaziergänge werden gerne angenommen, sie sollten allerdings häufiger am Tag stattfinden. Lange Spaziergänge stellen aber die Mitarbeiter vor Probleme, da die Kollegen mit den „restlichen“ Bewohnern alleine sind. Gerade hier sind dann auch die Angehörigen gefragt. Auch Shoppingtouren, sich ins Café setzen – all die Dinge, die jeder andere in dem Alter ohne Demenz auch gerne macht, können zum Problem werden. Wenn jemand Arbeit verrichtet, kann es ebenfalls immer wieder kniffelig werden, da der vorherige Beruf nichts mit Haushalt oder Handwerken zu tun hatte. Da ist dann Ideenreichtum gefragt.

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Die WG Waldmühle ist eine „angehörigengeführte“ Wohngemeinschaft – was sind die Vor- oder Nachteile dieses Modells?

Die Vorteile sind, dass es privater Wohnraum ist, das heißt, die Angehörigen kommen und gehen ohne Besuchszeiten. Natürlich wird, gerade während dieses schwierigen Jahres, vorher in der WG angerufen und gefragt, ob ein Besuch gerade passt. Dann geht es in die Natur oder auf das eigene, mit persönlichen Gegenständen eingerichtete Zimmer, oder aber es wird wie in einer Großfamilie zusammen gegessen, geredet, gelacht. Man ist willkommen und verbringt wertvolle Zeit miteinander. Was bei dem Modell sehr wichtig ist: Die Angehörigen kümmern sich. Wer das nicht will, ist in der WG falsch. Als Nachteil könnte man sehen, dass die ambulante Abrechnung mit einigen Ämtern nicht so einfach ist, wie das in einer stationären Einrichtung der Fall ist.

Die Angehörigen haben also Mitspracherecht, kommt es da nicht häufiger zu Konflikten?

Natürlich kommt es auch immer wieder zu Konflikten. Aber es wird darüber geredet. Manchmal im kleinen Kreis, manchmal aber auch in der großen Runde des Angehörigentreffens. Die Krankheit Demenz verändert den betroffenen Menschen. Wir, die Mitarbeiter in der WG, sehen den jetzigen Zustand und kennen den Menschen, der einmal war, nicht.

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Wir gehen also anders damit um. Wenn von Angehörigenseite Tätigkeiten eingefordert werden, zu der der Bewohner nicht mehr fähig ist, kommt es immer wieder zu Konflikten. Dann ist der Austausch unter den Kollegen sehr wichtig. Und auch, wie man dem Angehörigen am besten erklärt, dass manche Dinge nicht mehr gehen.

In Zeiten von Corona sind in vielen Alten- und Pflegeheimen keine Besucher mehr gestattet. In der Demenz-WG Waldmühle ist das anders. Ist es nicht auch eine Gefahr?

Natürlich ist es auch eine Gefahr; die Angehörigen und Mitarbeiter sind sich dessen bewusst. Aber gerade der Beginn der Pandemie und das Besuchsverbot in stationären Einrichtungen hat gezeigt, wie wichtig und wertvoll das Miteinander und Beisammensein ist. Menschen mit Demenz verstehen nicht, warum keiner mehr kommt, sie verstehen nicht, dass das als Schutz für sie gedacht ist. Die Besuche der Angehörigen haben sich natürlich reduziert. Doch unter Einhaltung der Hygieneregeln wird nach wie vor Zeit miteinander verbracht, es gibt Körperkontakt. Die Angehörigen sind sich einig, dass das so viel mehr wert ist, als gewonnene Tage, in denen der Bewohner alleine ist und sich fragt, was er falsch gemacht hat, weil keiner mehr kommt.

Was kann man als pflegender Angehöriger tun, welche Tipps können Sie geben?

Alles nicht so eng sehen. Ein Demenzkranker hat sich die Krankheit nicht ausgesucht und auch nicht den damit verbundenen Mehraufwand für seine pflegenden Angehörigen. Meine Oma hatte Altersdemenz. Einmal wollte ich sie nicht mitnehmen zum Einkaufen. Im Nachhinein betrachtet ein Fehler. Meine Tante hatte ihr eine extra große Dose Haarspray mitgebracht. Das war aber nicht die, die meine Oma immer hatte, deshalb hat sie sie ins Feuer geworfen. Es ist ihr glücklicherweise nichts passiert. Wir haben alle zusammen geputzt und so viel wie lange nicht mehr gelacht. Sie hatte es nicht aus böser Absicht gemacht. Sie hat aufgeräumt. Diese Neigung des Aufräumens bzw. Wegräumens sehe ich auch immer wieder bei unseren Bewohnern. Sie brauchen Ordnung, Struktur, feste Rituale und vor allem die Möglichkeit, einfach sein zu dürfen. Sie werden so angenommen, wie sie sind. Der Mensch mit Demenz kann sich nicht mehr anpassen, die Situation und Angehörigen müssen sich anpassen, sie sind dazu noch in der Lage.