Polnischer Konsul kommt zu Besuch an die Kriegsgräberstätte...

Der polnische Generalkonsul aus Köln, Andrzej Dudzinski (links), legt mit Modautals Bürgermeister Jörg Lautenschläger an der Kriegsgräber-Gedenkstätte in Brandau einen Kranz nieder im Gedenken an die im Zweiten Weltkrieg Umgekommenen.Foto: Guido Schiek  Foto: Guido Schiek

Stanislaw Durmaj – wäre der kleine Junge nur fünf Tage älter geworden, er hätte zumindest noch seinen fünften Geburtstag feiern können. Doch von seinem genauen Todestag...

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BRANDAU. Stanislaw Durmaj – wäre der kleine Junge nur fünf Tage älter geworden, er hätte zumindest noch seinen fünften Geburtstag feiern können. Doch von seinem genauen Todestag einmal abgesehen, ist eines sicher: Stanislaw verstarb vor mehr als 70 Jahren viel zu früh, sinnlos und ohne echte Chance auf ein friedliches Leben. Als eines von 101 polnischen Opfern, die oberhalb von Brandau in der Kriegsgräberstätte ihre letzte Ruhe gefunden haben. Menschen, die überwiegend dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer fielen – vor allem Russen, Polen, Jugoslawen, Deutsche, aber auch Angehörige eines Dutzend weiterer Nationen.

Es ist Montagmittag, kurz nach 12 Uhr. Den polnischen Staatsbürgern zu Ehren zünden Lothar Katzenmeier von der Gemeinde Modautal und Horst Peter, der sich seit vielen Jahren um die Pflege der Kriegsgräberstätte kümmert, Grablichter an. An jeder Gedenktafel eines, die anlässlich eines polnischen Opfers angebracht wurde. Wie so oft um diese Jahreszeit, ist es hier oben ein wenig kühler als im Tal, doch der Wind zeigt sich vergleichsweise gnädig, auch wenn die deutsche und die polnische Flagge über dem Areal kräftig in Bewegung sind.

Kurz darauf betritt Andrzej Dudzinski, Konsul am polnischen Generalkonsulat in Köln, die Kriegsgräberstätte; an seiner Seite Modautals Bürgermeister Jörg Lautenschläger. Es sei nicht selbstverständlich, dass zwei Jahre hintereinander eine polnische Delegation die Kriegsgräber in Brandau besucht, sagt Lautenschläger. Doch was der Volkstrauertag in Deutschland, das sei für die Polen das Gedenken der Toten an und um Allerheiligen. Und so stehen Lautenschläger und Dudzinski vor der gemeinsamen Kranzniederlegung an diesem Tag für ein gemeinsames Gedenken und eine Mahnung, dass ein vereintes Europa ein Geschenk ist.

Lautenschläger spricht von 5,8 Millionen Polen, die im Zweiten Weltkrieg einen „hohen Blutzoll“ gezahlt hätten, gemessen an der Zahl der polnischen Bevölkerung eine der höchsten „Verlustraten“. Umso wichtiger sei es, die Namen von Männern, Frauen und Kindern zu nennen und den Toten ein Gesicht zu geben. Gerade jetzt, wo Nationalismus in verschiedenen Ländern wieder erstarke und nationalistische Parteien – „leider auch bei uns“ – wieder in den Parlamenten sitzen würden. Dabei ist es für Lautenschläger so offensichtlich: „Wer an der EU von heute zweifelt, der sollte Kriegsgräberstätten besuchen.“ Anschließend gedenkt er all jenen, die im Zweiten Weltkrieg verfolgt und getötet wurden, viele Menschen, deren Leben als nicht lebenswert bezeichnet wurde. Eine viel zu lange Liste von Menschen, die unter dem nationalsozialistischen Terror gelitten haben.

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Auch Konsul Andrzej Dudzinski erinnert an die Opfer, aber eben auch daran, dass es heute siebzigjährige Menschen gebe, die als erste von sieben zurückliegenden Generationen in Europa die Chance hatten, keinen Krieg vor der Haustür erleben zu müssen. „Aber wir leben aktuell wieder in einer stürmischen Welt.“ Kurz vor Kranzniederlegung zitiert Dudzinski dann den ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker: „Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.“

Dann ist wohl wirklich eine der wichtigsten Säulen von Menschlichkeit in Gefahr. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, ist wenige Meter weiter auf einem Aufkleber zu lesen, den der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge angebracht hat. Eine Würde, die Menschen wie Stanislaw Durmaj genommen wurde.