Nicht allein im Angesicht des Unfassbaren

In einem Gewölbekeller hat der Verein Neunkirchner Steine sein Kunstcafé eingerichtet. Es steht allen Interessierten offen, insbesondere  Menschen, die ein Kind verloren haben. Der Vorstand: Lin Bärens (von links), Gwendolyn Cornelirs, Vorsitzende Julia Schmidt und Ralf Priester. Foto: Karl-Heinz Bärtl

Der Verein Neunkirchner Steine möchte Eltern helfen, die Trauer um das eigene Kind zu bewältigen.

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NEUNKIRCHEN. Eine Anlaufstelle soll es sein, für alle, die um ein Kind trauern: Das Kunstcafé des Vereins Neunkirchner Steine. Leicht verborgen gelegen, aber direkt am Marktplatz des Modautaler Ortsteils, steht es allen interessierten Menschen offen. Einladend ist der Raum mit der Rundbogendecke gestaltet, die weißen Wände mit allerlei Bildern behangen, im Kamin brennt ein Feuer.

Die beiden Vorsitzenden Julia Schmidt und Ralf Priester sind selbst Betroffene: „In der Bewältigung dieser Trauer ist uns erst bewusst geworden, wie sehr es in der Region an Angeboten und Anlaufstellen mangelt“, sagt Ralf Priester. Für sie war Anfang 2016 noch eine Fahrt bis nach Worms von Nöten.

Aus dieser Erkenntnis entstand der Wunsch, anderen Menschen in der Region eine solche Anlaufstelle zu bieten, damit diese sich mit anderen vernetzen können. „Der Austausch mit Leidensgenossen hilft ungemein bei der Bewältigung der eigenen Trauer.“

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Der Name Neunkirchner Steine stammt nicht, das muss betont werden, von Grabsteinen, sondern von einem Zitat des Künstlers Joseph Beuys. „Es gibt Steine des Anstoßes, über die jeder einmal stolpern muss.“ Dies ist das Kernthema der Neunkirchner Steine. „Es geht nicht darum, alte Wunden aufzureißen, sondern den Heilungsprozess zu unterstützen“, sagt Julia Schmidt. Der Verein möchte Steine des Anstoßes, soll heißen, Angebote zur Verfügung stellen, durch die Menschen ihre Trauer individuell bewältigen können. „Diese Angebote sind für trauernde Eltern kostenfrei, der Verein lebt von Spenden, Einnahmen aus dem Kunstcafé und kostenpflichtigen Angeboten.“

Zentrale des Vereins ist das Kunstcafé im Keller des Elternhauses von Julia Schmidt. Die Kunstwerke an den Wänden stammen aus der Hand ihres Vaters Walter Schmidt, der sein Atelier gegenüber hat. Weiterhin bietet der Verein, ebenfalls kostenfrei, Rückbildungsyoga für verwaiste Mütter an, eine Leistung, die nicht von Krankenkassen übernommen wird. Dafür haben die Neunkirchner Steine schon den ersten Preis des Deutschen Yogaverbandes für Nachhaltigkeit und Innovation erhalten. Weitere kostenfreie Angebote sind das rund um die Uhr verfügbare Notfalltelefon sowie die Homepage des Vereins, auf denen trauernde Menschen sich informieren oder Mutmacher finden können. „Mutmacher sind Textzitate oder Buchtipps, welche aufbauend wirken“, erklärt Priester.

Darüber hinaus engagiert sich der Verein in der „Land-Art“, in der ein natürlicher Raum, sei es eine Ecke im Wald oder ein Landstrich, künstlerisch umgestaltet wird. Im Verein geht es um die Gestaltung von Gedenkstätten. In diesem Jahr soll auch, in Zusammenarbeit mit Kreis und Gemeinde, ein Wanderweg angelegt werden. Außerdem bereitet der Verein gerade ein Wochenende „Weiteratmen“ vor, ein Wochenende im Odenwald für trauernde Menschen, damit diese sich wieder auf sich selbst besinnen können.

Für die Zukunft wünschen sich Priester und Schmidt, dass der Tod des eigenen Kindes in der Gesellschaft enttabuisiert wird. „Passiert so etwas, wird man entweder mit Beileidsbekundungen überschüttet, oder sieht sich Ablehnung und auch Vorwürfen ausgesetzt. Aber nicht bei uns.“

Von Matthias Reißmann