25 Jahre Windkraft in Neutsch: Erfolgsgeschichte trotz Gegenwinds

Windräder auf der Neutscher Höhe. Foto: Dirk Zengel

Das Thema Windkraft hat den Modautaler Ortsteil Neutsch in den Neunzigerjahren gespalten. 25 Jahre nach Inbetriebnahme der drei Windräder, sehen sich die Befürworter bestätigt.

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NEUTSCH. Als Franz Mitsch Anfang der Neunzigerjahre die Idee hatte, Windkraftanlagen auf der Neutscher Höhe bauen zu lassen und zu betreiben, waren Idealismus und Umweltschutz sein Antrieb. Erfahrung mit Windenergie hatte der heute 65-Jährige keine. Fasziniert von Anlagen, zum Beispiel in Möhnesee, sei er damals zu der Erkenntnis gekommen: „Das müsste auch im Odenwald funktionieren“. Aus dieser Schnapsidee sind in der Folge drei Windkraftanlagen entstanden, die seit ihrer Inbetriebnahme am 19. Oktober 1994 problemlos laufen und fleißig Strom erzeugen. Die Initiatoren von damals – die 37 Gesellschafter der Odenwaldwind GmbH – bezeichnen sich längst als Pioniere der Windkraft. 25 Jahre nach dem Bau der Windräder feiern sie die Erfolgsgeschichte ihrer „drei Kinder“ – so nennt es eine Gesellschafterin – auf der Neutscher Höhe.

„Und das“, sagt Mitsch bei seiner feierlichen Ansprache, „ist nur deshalb möglich, weil ich damals auf die mutigsten Menschen gestoßen bin, die ich kenne“. Denn ob das Vorhaben, umweltfreundliche Energie zu erzeugen, funktioniert, sei völlig ungewiss gewesen. „Es hätte ja auch sein können, dass wir heute dasitzen und unsere Schulden zählen“, sagt Mitsch. Er sei noch immer sehr bewegt, wenn er an die Anfänge denke. „Ihr habt damals alles unterschrieben, was ich euch hingelegt habe. Ihr habt mir alle vertraut. Und seid ein Risiko eingegangen“. Wie riskant das Projekt Windkraft damals finanziell war, schildert eine Gesellschafterin: „Oje, oje, wenn das schiefgeht, ist unsere Eigentumswohnung weg“, habe sie damals zu ihrem Ehemann gesagt. Wie die meisten der 37 Gesellschafter gehörten sie damals zu den überwiegend jungen Familien, „die etwas für die Umwelt machen wollten“, wie ein anderer Teilhaber schildert. Das bedeutete, dass Kosten für Planung und Bau in Höhe von damals 3,6 Millionen D-Mark (etwa 1,8 Millionen Euro) aufgebracht werden mussten. „Die Beteiligung am Projekt ist ganz unterschiedlich“, erläutert Manfred Conrad, einer der Geschäftsführer der Odenwaldwind GmbH. Die Anteile beliefen sich auf bis zu zehn Prozent. Ein Student war dabei, der hatte den geringsten Beitrag. „Wir wussten auch gar nicht, wie lange die Anlagen halten“, sagte er. Von zehn Jahren sei man damals ausgegangen. „Und es hätte ja auch sein können, dass sie umfallen, abknicken, gottweißwas“, schildert ein weiterer Gesellschafter bei der Jubiläumsfeier die Bedenken von damals. Für Schäden und Reparaturen kommen die Gesellschafter finanziell auf. Und zwar zu denselben Anteilen, mit denen sie beim Projekt beteiligt sind.

Heute hat der Student von damals beruflich mit Windenergie zu tun. „Es war eine Herausforderung. Und dass heute fast alle Gesellschafter versammelt sind, obwohl sie nicht nur aus Neutsch und dem Landkreis kommen, zeigt, dass uns das Projekt zusammengeschweißt hat“, sagt Manfred Conrad. Viele Jahre erzeugte das Thema Windkraft in Neutsch mehr Wind, als die Anlagen in Strom umwandelten. Conrad kann sich noch an die heftigen Diskussionen im Ort erinnern. „Das war schon arg. Es gab viele Windkraftgegner, auf der Straße und im Verein wurde über das Thema gestritten“, sagt er. Zum Teil hätten Gegner der geplanten Anlagen Bettlaken mit Protest-Parolen aus dem Fenster gehängt. „Das hat mich damals schon sehr berührt“, sagt er. „Aber wir sind durch dick und dünn gegangen, als in Neutsch der Teufel los war“, sagt Franz Mitsch.

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Die Vorwürfe und Argumente waren zum Teil heftig, die Befürchtungen groß. Den Betreibern wurde Profitgier vorgeworfen. Lärmbelästigung, Verschandelung der Kulturlandschaft waren oft vorgebrachte Sorgen. Doch nach vielen Diskussionen stimmte die Politik für den Bau der Anlagen. Der damalige Bürgermeister Modautals, Wilhelm Speckhardt (CDU) hatte sich nach genauem Abwägen von ökologischem Nutzen und Eingriff in das Landschaftsbild für die Anlagen ausgesprochen, wie er dem ECHO damals sagte. „Schön sind die Windräder nicht, aber ich würde wieder so entscheiden, sagte er acht Jahre nach Inbetriebnahme.

Noch immer sei Neutsch beim Thema Windkraft in zwei Lager gespalten, sagt der heutige Bürgermeister Jörg Lautenschläger (CDU). „Man weiß in einem 250-Einwohner-Ort natürlich voneinander, wer positiv und wer negativ darüber denkt. Doch in Neutsch herrscht trotzdem ein gutes Miteinander, allein schon wegen der vielen Vereine. Wir arbeiten alle gut zusammen“. Dass die Odenwaldwind GmbH inzwischen ihren Sitz von Heppenheim nach Neutsch verlegt hat, sei zudem ein schönes Zeichen. Der Pachtvertrag läuft über 30 Jahre, mit der Option auf weitere zehn Jahre, sagt Lautenschläger. Nach heutiger Gesetzeslage dürfte eine solche Anlage an diesem Standort aber nicht mehr gebaut werden, weil die Windräder zu dicht an der Wohnbebauung stehen.

Die Pioniere von damals sehen sich 25 Jahre nach dem Bau mehr als bestätigt. Nicht nur, weil die Anlagen robuster und langlebiger sind als gedacht und seit etwa 15 Jahren sogar Gewinn abwerfen. „Obwohl damals niemand von uns ans Geld gedacht hat“, wie Manfred Conrad sagt. Sondern vor allem, weil der Anteil der Windenergie an regenerativer Energie heute bei fast 50 Prozent liege, wie Mitsch erläuterte. Vor 25 Jahren hätten große Energieversorger und auch Bundespolitiker diesen Anteil bei etwa vier Prozent gesehen. „Unser Engagement hat sich gelohnt“, sagt Mitsch. „Wir haben gewonnen“.