Darmstadt-Dieburg: Das Rätsel der 22 Corona-Toten

aus Coronavirus-Pandemie

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22 Tote hat das Gesundheitsamt Darmstadt am Samstag für den Landkreis vermeldet. Allerdings handelte es sich dabei nicht um aktuelle Todesfälle. Archivbild Andreas Kelm

Es hat sie am Samstag nicht gegeben, die 22 Opfer in einer Groß-Zimmerner Pflegeeinrichtung. Wie es sein kann, dass das Gesundheitsamt sie trotzdem meldet.

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DARMSTADT-DIEBURG. Zwei Tage hat das Gesundheitsamt gebraucht, um das Rätsel um die 22 Todesfälle zu lösen. Am Samstag hatte es in der aktuellen Corona-Statistik für den Landkreis 22 Tote gemeldet – ein bitterer Rekord. Doch diese Toten hat es an diesem Tag gar nicht gegeben. Stattdessen handelt es sich um Nachmeldungen aus den vergangenen vier Wochen, steht am späten Montagnachmittag fest. Eine statistische Bereiniung also, keine Explosion der Todeszahlen. Das „Haus Elisabeth“ ist nicht betroffen, eine Erleichterung.

Wie kann es dazu kommen? „Am Tag der Meldung wurde kein Corona-Todesfall verzeichnet“, konnte die Pressestelle des Landkreises am Montag schließlich aufklären. Normalerweise handelt es in der Statistik um die tagesaktuellen Meldungen. Dass diese Todesfälle aus den vergangen vier Monaten nun en bloc und unkommentiert nachgemeldet worden sind, erklärt der Kreis so: Verstirbt ein Mensch in einer Klinik im Landkreis, landet der Fall zwar zeitnah in den Systemen des Gesundheitsamts. Liegen die Todesfälle aber in einer stationären Einrichtung oder dem Privaten, wird die Meldung durch die Standesämter veranlasst, die dann wiederum vom Gesundheitsamt eingepflegt werden muss. Resultat sei „ein natürlicher Meldeverzug, der sich zur Urlaubszeit besonders niederschlägt, wenn Ämter, Labore und Arztpraxen personell geschwächt sind“, heißt es zu Erklärung. Das ist im Landkreis nun offenkundig im großen Stil passiert.

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Kein Bewohner mehr positiv getestet

Anders, als zunächst vermutet, gehen die hohen Todeszahlen also nicht auf eine Pflegeeinrichtung in Groß-Zimmern zurück. Weder das Haus der Gersprenz hatte am Wochenende Tote zu vermelden, wie Kreis-Pressesprecherin Annika Schmid mitteilt, noch die privat geführte Seniorenresidenz „Haus Elisabeth“.

Das bestätigt Thomas Neubecker, der Residenzleiter. Hohe Todeszahlen musste das „Haus Elisabeth“ zwar über den Dezember verschmerzen, doch just am vergangenen Freitag ist das Seniorenheim aus der Quarantäne entlassen worden. Derzeit ist kein Bewohner mehr positiv getestet, eine Mitarbeiterin ist erkrankt und in Quarantäne, wie das Gesundheitsamt mitteilt.

„Wir sind endlich wieder raus aus dem Dilemma“, sagt Thomas Neubecker. Kurz nachdem das andere Pflegeheim Gersprenz in Groß-Zimmern im November ein Infektionsgeschehen vermelden musste, hatte es im Dezember auch das „Haus Elisabeth“getroffen. Von 98 Bewohnern sind dort 26 verstorben. 20 davon an oder mit Corona – im Dezember wohlgemerkt und dem Gesundheitsamt lange bekannt. Davon lebten 15 im Wohnbereich für schwer demenzkranke Menschen, deren Schutz in diesen Zeiten besonders schwer ist. „Es hat uns sehr traurig gemacht, dass wir so viele Bewohner verloren haben“, sagt Residenzleiter Neubecker, der sich gleichzeitig froh darüber zeigt, dass sein Pflegeheim bereits am 3. Januar von einem der mobilen Impfteams besucht worden ist.

Systeme bis Mitte Januar ausreichend bereinigt

Auch Landrat Klaus Peter Schellhaas (SPD) kommentierte die Nachmeldungen der Todesfälle aus den vergangenen vier Wochen: „Derzeit befinden wir uns in genau dieser Aufbereitungsphase, die wir im Dezember beschrieben haben.“ Bei der Anordnung der Ausgangssperre und der Aufrechterhaltung auch mehrere Tage nachdem die Inzidenz auf einen Wert von unter 200 gefallen war, hatte Schellhaas argumentiert, dass die Statistik nicht verlässlich sei. „Wir rechnen damit, dass die Systeme bis Mitte Januar ausreichend bereinigt sind, um wieder einen klaren Blick auf die Lage zu bieten“, sagt Schellhaas.

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Seit Beginn der Pandemie wurden insgesamt 137 Todesfälle gemeldet, davon 92 seit Dezember. Die meisten Menschen sind in Pflegeheimen gestorben. „Wir müssen uns immer daran erinnern, dass wir es mit einer tödlichen Krankheit zu tun haben, die bei den Ältesten in der Gesellschaft erbarmungslos zuschlägt“, so Schellhaas weiter. „Wir hoffen und vertrauen darauf, dass wir mit der aktuellen Impfkampagne die Wende in dieser tragischen Entwicklung einleiten können.“