Häusliche Gewalt: „Die Zahlen steigen seit Jahren“

In den meisten Fällen sind Frauen die Opfer von häuslicher Gewalt.

Da Frauen abgewiesen werden, plant der Dieburger Verein „Frauen helfen Frauen“ ein zweites Frauenhaus. Die Frauenhaus-Leiterin spricht im Interview über alarmierende Zahlen.

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Seit 2015 sind Sie Leiterin der Beratungsstelle und des Frauen- und Kinder-Schutzhauses des Vereins „Frauen-helfen-Frauen“, der Frauen in akuten Situationen Hilfe bietet. Was hat sich in den letzten Jahren verändert? 

Was die Beratungsgespräche bei uns betrifft, so ist die Tendenz durchgehend steigend. Während wir 2013 noch 436 Beratungen hatten, waren es 2020 dann 742 und im vergangenen Jahr 734. Das liegt auch daran, dass die Heftigkeit und Schwere der Gewalt – teilweise auch körperlich – in den letzten Jahren stark angestiegen ist. 

Woran liegt das?

Bei Partnerschaftsgewalt handelt es sich in überwiegendem Maß um männliche Gewalt. Dabei spielt auch das ungleiche Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern eine Rolle. Das zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten und Kulturen. Es herrschen in Deutschland leider immer noch sehr klare patriarchalische Rollen- und Familienbilder. Das spiegelt sich auch in manchen politischen Parteien wider, die teilweise ein sehr konservatives Rollenbild vertreten. Die Situation hat sich durch die Flüchtlingswelle, in der viele Menschen zu uns kamen, in deren Ländern eine patriarchalische Denkweise vorherrscht, verstärkt.

Frauenhaus-Leiterin Ulrike Pavez-Sandoval.
Frauenhaus-Leiterin Ulrike Pavez-Sandoval. (© Karl-Heinz Bärtl)
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Die Corona-Pandemie hat laut der aktuellen Polizeilichen Kriminalstatistik in Südhessen den Anstieg der Fälle von häuslicher Gewalt weiter begünstigt. Können Sie das bestätigen? 

Die Zahlen steigen seit Jahren. Corona hat häusliche Gewalt aber nicht ausgelöst, sondern wie erwähnt zu mehr Heftigkeit geführt. In den Corona-Jahren ist die Zahl der Frauen, die sich bei uns Hilfe gesucht haben, im Vergleich zu den Vorjahren sogar gesunken. Das liegt daran, dass die Männer im Lockdown viel zu Hause waren. Dort gab es wenig Zeiträume, die die Frauen unbeobachtet nutzen konnten, um Beratungsstationen aufzusuchen. Viele Frauen waren außerdem weitgehend sozial isoliert. 

Warum werden so wenige Fälle von häuslicher Gewalt zur Anzeige gebracht – die Dunkelziffer wird ja hier sehr hoch eingeschätzt? 

Die Frauen suchen sich zwar bei uns Unterstützung, aber nur sehr wenige gehen den Schritt, ihre Männer anzuzeigen. Das liegt daran, dass die Frauen, die ihre Partner als dominant und gewaltausübend kennen, fürchten, dass es weiter eskaliert, wenn sie diesen Schritt gehen. Eine Trennung ist für sie hochriskant. Eine hohe Hemmschwelle ist für viele Frauen auch, dass Kinder im Spiel sind und sie den Kindsvater dann anzeigen müssen. 

Für manche Frauen ist der Schritt ins Frauenhaus- und Kinderschutzhaus der letzte Ausweg aus einer Gewaltbeziehung. Wie viele Frauen leben derzeit im Haus im Landkreis Darmstadt-Dieburg? 

Wir haben in unserem Haus, das seit 1987 besteht, 2021 insgesamt 42 Frauen und 53 Kinder untergebracht, 2020 waren es 50 Frauen und 51 Kinder. Derzeit leben 12 Frauen und 13 Kinder in unserem Schutzhaus. Das Frauenhaus ist in der Regel durchgehend voll belegt und der Bedarf an Plätzen liegt seit Jahren weit über dem Angebot.

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Wie viele Frauen haben denn in den letzten Jahren keinen Platz bekommen? 

Die Zahlen abgewiesener Frauen und Kinder ist sehr hoch. Im letzten Jahr mussten wir 57 Frauen mit 33 Kindern abweisen, 2020 waren es 56 Frauen mit 32 Kindern, 2019 sogar 91 Frauen mit 65 Kindern. Wir sehen uns in der Pflicht, hier dringend nachzusteuern.

Aus diesem Grund  hat der Verein in Abstimmung mit der Kreisverwaltung Darmstadt-Dieburg beim Bundesministerium den Antrag für den Neubau eines zweiten Frauen- und Kinderschutzhauses im westlichen Landkreis gestellt. 

Da es Bundesmittel dafür gibt, hat sich unser Verein entschlossen, einen Antrag zu stellen, der auch angenommen wurde. 1,8 Millionen Euro kostet der Neubau, in dem acht bis zehn Familienzimmer geplant sind. 

Wie weit sind die Planungen?

Die Situation ist durch Corona und Energiekrise im Baugewerbe schwieriger geworden und wir mussten aufgrund der Kostensteigerungen von 400.000 Euro einen Änderungsantrag stellen, der aber auch genehmigt wurde. Hierfür muss der Verein nochmals 40.000 Euro Eigenanteil aufbringen. Vom Bund finanziert werden 90 Prozent, zehn Prozent der Kosten muss der Verein aufbringen – das heißt 180.000 Euro. Auch beim Land Hessen haben wir Gelder für die Einrichtung beantragt, vom Kreis haben wir die Zusage zur Übernahme der Personalkosten für das neue Haus. 

Was raten Sie Menschen, die häusliche Gewalt erleiden? Wohin können sich Opfer wenden, wenn die Situation in den eigenen vier Wänden eskaliert?

Im akuten Notfall: Notruf der Polizei wählen oder die Wohnung verlassen und eine vertraute Person kontaktieren, sichere Orte wie Schule, Kindergarten, Beratungsstelle aufsuchen. Hilfe rund um die Uhr bekommen Frauen beim kostenfreien Hilfetelefon unter 0800-116016 oder tagsüber montags bis freitags beim Verein Frauen helfen Frauen Darmstadt-Dieburg unter 06071-25666. Infos gibt es auch direkt im Frauen- und Kinderschutzhaus unter 06071-33033 oder im Internet auf www.frauenhelfenfrauen-da-di.de.