Siedlungsentwicklung am Spieltisch

Schön anzusehen, aber von schleichender Entvölkerung bedroht, ist der Otzberger Ortsteil Ober-Klingen. Nun sollen Gegenstrategien entwickelt werden.   Foto: Klaus Holdefehr  Foto: Klaus Holdefehr

„AktVis“ ist das schräge Zauberwort. In Münster sind zahlreiche Akteure, Vertreter von Institutionen sowie einige Bürger zusammengekommen, um ein vom Bundesministerium...

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MÜNSTER/OTZBERG. „AktVis“ ist das schräge Zauberwort. In Münster sind zahlreiche Akteure, Vertreter von Institutionen sowie einige Bürger zusammengekommen, um ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördertes Projekt zu starten, bei dem der Einsatz dreidimensionaler elektronischer Visualisierungen in Stadtplanungsprozessen mit Bürgerbeteiligung erprobt werden soll. „AktVis“ steht für „Aktivierung von Flächenpotenzialen für eine Siedlungsentwicklung nach innen – Beteiligung und Mobilisierung durch Visualisierung“. Ganz schön sperrig.

Im Zentrum steht ein Großbildschirm

Um was geht es? Im Kern um den Einsatz eines berührungssensiblen Großbildschirms, auf dem in Umsetzung von Material, das vom Amt für Bodenmanagement in Bensheim bereitgestellt wird, aktuelle Siedlungssituationen und deren Veränderung durch bauliche Maßnahmen dargestellt werden können. Dies soll in einem Forschungsprogramm des Fraunhofer-Instituts für grafische Datenverarbeitung in Darmstadt weiterentwickelt werden.

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Als nach der Präsentation der Begriff „Spieltisch“ für den Großbildschirm fällt, scheint Joachim Rix als Fraunhofer-Vertreter etwas pikiert, denn es geht ja um einen seriösen Ansatz. Hans Joachim Linke vom Fachgebiet Landmanagement der TU Darmstadt hat eingangs die Rahmenbedingungen erläutert – ausgehend von der Erkenntnis, dass Südhessen in weiten Teilen derzeit zwar Zuzugsgebiet ist, die Zahl der Einwohner bis 2050 aber doch auch um rund sechs Prozent schrumpfen und zugleich altern soll. Man müsse sich daher auf zunehmende Immobilien-Leerstände, ein Überangebot an manchem Wohnraum und eine Unterlastung der Infrastruktur mit hohen Unterhaltungs-Fixkosten auf weniger Schultern einstellen.

Dabei sei die kurzfristige Ausweisung von Neubaugebieten eine der falschen Strategien, die Konkurrenz der Kommunen untereinander eine Art „Einwohner-Kannibalismus“. Wie von der übergeordneten Politik schon lange gefordert, müsse man das Augenmerk viel stärker auf die Potenziale der Innenentwicklung richten.

Doch nicht immer ist stadtplanerische Veränderung innen erwünscht. Da Politiker und Planer also Überzeugungsarbeit leisten müssen, sitzt auch die TU-Abteilung für Arbeits- und Ingenieur-Psychologie mit im Forschungsprojektboot.

Münster, so erläuterte es Bürgermeister Gerald Frank (SPD), bringt als Forschungsgebiet seine Altstadt ein, also den alten Ortskern, der im Wesentlichen von der Hintergasse umfasst wird. „Mehr Stellplätze, Sanierung und energetische Ertüchtigung historischer Bausubstanz sowie Wohnungsbau auf Freiflächen“, nennt Frank als Entwicklungsziele.

Otzberg, wo schon mit einem „Integrierten kommunalen Entwicklungskonzept“ (Ikek) gearbeitet wird, lenkt den Blick der Forscher auf den hübschen Ortsteil Ober-Klingen, wo laut Bürgermeister Matthias Weber (parteilos) die Bevölkerungszahl in den vergangenen 15 Jahren um acht Prozent geschrumpft ist, 26 Wohnhäuser und 30 Scheunen leer stehen. Dritte Projektkommune ist Bensheim, für die Baudezernent Helmut Sachwitz Entwicklungsprobleme im alten Stadtkern und im weit von der Kernstadt entfernten Stadtteil Langwaden benannte.

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Bürgerbeteiligung ist zentraler Bestandteil des Projekts. Das muss auch so sein, denn auf der einen Seite stehen die Planer, auf der anderen das Privateigentum. Dorte Meyer-Marquardt, als Kreis-Vertreterin für das EU-Programm „Leader+“ auf dem Podium, plauderte aus dem Nähkästchen ihrer Erfahrungen als Beraterin einer schrumpfenden Odenwald-Kommune: „Man muss den Bürgern vor Augen führen, was es bedeuten kann, wenn links und rechts von ihnen die Häuser leer stehen.“

Vor Augen führen, Modelle durchspielen – dazu soll die dreidimensionale Überzeugungskraft des „Spieltischs“ genutzt werden.