Schritt für Schritt zurück ins Leben

Die Trauer-Wanderungen dauern jeweils zwei bis drei Stunden. Begleitet werden sie von Margit Galinski (vorne von links) und Elvira Schuck. Foto: Joaquim Ferreira

Niemand weiß so gut, wie es trauernden Menschen geht, wie Menschen, die selbst trauern. Das ist das Prinzip der Trauerwanderungen des Hospizvereins Vorderer Odenwald in...

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GROSS-UMSTADT. Niemand weiß so gut, wie es trauernden Menschen geht, wie Menschen, die selbst trauern. Das ist das Prinzip der Trauerwanderungen des Hospizvereins Vorderer Odenwald in Groß-Umstadt. Vier Mal im Jahr treffen sich Trauernde und wandern zusammen.

Die Trauer-Wanderungen dauern jeweils zwei bis drei Stunden. Begleitet werden sie von Margit Galinski (vorne von links) und Elvira Schuck. Foto: Joaquim Ferreira

„Da wird nicht nur über den Verlust und den Schmerz geredet“, sagt Margit Galinski. „Auch über Gott und die Welt, auch mal über das Wetter.“ Aber eben auch über die Hilflosigkeit, die Wut auch, Hoffnungslosigkeit – eben über die Gefühle, die zur Trauer gehören können. Galinski ist Trauerbegleiterin und Hospizhelferin und organisiert die etwa zweistündigen Wanderungen ehrenamtlich zusammen mit der Trauerbegleiterin Elvira Schuck. Seit vier Jahren gibt es die Touren, die Teilnahme ist kostenlos und für jeden offen.

„Mein Mann ist vor einiger Zeit gestorben. Aber für mich ist es immer noch ganz frisch“, sagt Heike Lopes-Mendes, eine der Teilnehmerinnen. „Ich möchte zurück ins Leben.“ Man merkt ihr an, wie schwer das ist. „Ich habe im Internet nach Hilfe gesucht und bin auf dieses Angebot gestoßen.“ Sich mit anderen austauschen, einander zuhören, andere Menschen in ähnlicher Situation kennenlernen, „das verspreche ich mir davon“, sagt die Altheimerin.

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Nach den Wanderungen geht es ins Café. Und über das Jahr trifft sich die Gruppe auch ohne Wanderschuhe und Rucksack irgendwo auf ein Glas. „Wir sind auch keine geschlossene Gruppe. Ständig kommen neue hinzu, andere bleiben weg“, sagt Galinski.

Der Sohn von Gerd Hönicke hat sich vor drei Jahren das Leben genommen. „Es tut mir gut, darüber zu sprechen, mich dem zu stellen, Verständnis zu bekommen für Gefühle und Gedanken, die eben so kommen, wenn man das erlebt, was ich erlebt habe.“ Der Groß-Umstädter wurde von einem Pfarrer auf die Trauerwanderungen aufmerksam gemacht und ist Stammteilnehmer.

Helga-Josefine Voltz ist noch neu. „Mein Vater hat sich vor 30 Jahren umgebracht, der Schmerz hört niemals auf“, sagt sie.

„Es kommen eben nicht nur die, die gerade erst kürzlich jemanden verloren haben“, weiß Schuck. Etwa zwei Drittel der Teilnehmer haben ihren Partner verloren, trauernde Eltern und Kinder, die um ihre Eltern trauern, bilden den Rest. Der Tod ihres Vaters vor zehn Jahren war der Einstieg für Elvira Schuck in das Thema Trauer. Sie engagierte sich zunächst im Hospizverein, wurde dann Trauerbegleiteirn.

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Jeder Wanderung beginnt mit einer kurzen Vorstellung der Teilnehmer. Manche erzählen ausführlicher davon, wen sie verloren haben, wie es ihnen geht, andere machen das eher kurz, manche nennen nur ihren Vornamen. „Niemand muss da eine bestimmte Form erfüllen. Wir sind ein lockerer Haufen mit lockerem Umgang“, sagt Galinski. Warum sich Galinski und Schuck engagieren, erklären beide unisono: „Helfen macht glücklich. Und man kann am besten helfen, wenn man gut nachfühlen kann, wie es einem Menschen geht.“

Von Jürgen Buxmann