Weitere Stolpersteine in Griesheim gesetzt

Gegen das Vergessen von Opfern des Nationalsozialismus werden in Griesheim nach 2010, 2012 und 2016 die letzten 14 Stolpersteine verlegt. Die Zahl der kleinen, quadratischen Messingtafeln, die in das Gehwegpflaster eingefügt wurden, hat sich damit auf 41 erhöht. Foto: Gudrun Hausl
© Gudrun Hausl

Im Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus verlegt der Künstler Gunter Demnig 14 Plaketten in Griesheim. Unter anderem wird der Familie Stern, die eine Bäckerei hatte, und...

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GRIESHEIM. Seit 1992 verlegt der in Köln lebende Künstler Gunter Demnig „Stolpersteine“, kleine quadratische Messingtafeln, die im Boden eingebracht an das Schicksal jener Menschen erinnern sollen, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert oder vertrieben wurden. Auch in Griesheim wurden inzwischen für 41 von 85 Juden, die 1933 in Griesheim lebten, Stolpersteine verlegt. Sie alle wurden von Sponsoren finanziert.

„Grundlage für Gunter Demnigs Arbeit ist die Idee, die abstrakte Zahl der Opfer aus der Anonymität zu holen. Indem das Erinnerungszeichen vor die letzte frei gewählte Wohnung der Opfer gelegt wird, kehren sie ganz leise in unsere Gedanken zurück, wenn wir das zulassen. Es ist ein Angebot, das man wahrnehmen kann, aber nicht wahrnehmen muss“, erklärte Heike Jakowski von der Stolperstein-AG bei der Verlegung der letzten 14 Steine an vier verschiedenen Stellen.

Das 1992 gestartete Projekt mit fast 70 000 Steinen in 2000 Kommunen in 24 Staaten Europas sei mittlerweile das größte dezentrale Mahnmal der Welt und Griesheim somit eine Komponente dieses Kunstwerks. „Wir alle, die hier stehen, sind aufgewachsen im Umfeld großer Freiheit“, betonte Heike Jakowski bei der Verlegung von fünf Steinen in der Karlstraße 5. Doch sollte klar sein, dass „Freiheit immer die Freiheit des Andersdenkenden ist“, meinte sie und zitierte damit Rosa Luxemburg, bevor die Vita der Familie Stern verlesen wurde, die dort ab 1903 eine Bäckerei betrieb und 1937 in die USA floh.

An der Wilhelm-Leuschner-Straße 19 erinnern ab sofort zwei Steine an die Kohlenhändlerfamilie Wolff und an der Kreuzgasse 2 weitere sechs Steine an die Metzgerfamilie May. Während Gunter Demnig vor den jeweiligen Häusern die Stolpersteine in das Gehwegpflaster einfügte, verlasen Schüler der Gerhart-Hauptmann-Schule die Vitae der Betroffenen und sorgten gemeinsam mit Lehrerin Sabine Köbler für musikalische Beiträge. Der Erste Stadtrat Klaus Rinecker verlas eine vorbereitete Rede des erkrankten Bürgermeisters Geza Krebs-Wetzl. „Die Stolpersteine erinnern daran, dass es unsere Nachbarn waren, die verfolgt wurden. Wir alle empfinden tiefe Scham für das, was passiert ist“, hieß es darin.

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„Der Kreis schließt sich an dieser Stelle“, erklärte Gabriele Winter, die Vorsitzende des Vereins Heimatmuseum Griesheim, bei der Verlegung des letzten Steins vor dem Loeb’schen Haus in der Groß-Gerauer-Straße. Vor acht Jahren wurden an gleicher Stelle auf Initiative von Schülern der Gerhart-Hauptmann-Schule bereits Stolpersteine für Ludwig und Otto Loeb, die Betreiber des ehemaligen Kaufhauses Loeb, verlegt. Nun kam ein Stein für die Verkäuferin Lea Löw dazu. „Ich denke, das ist ein kraftvolles Zeichen, das wir heute setzen“, betonte Gabriele Winter. „Wir alle, die wir heute hier sind, stehen für eine tolerante Gesellschaft“, ergänzte sie und dankte der Stolperstein-AG für ihr fast zehnjähriges Engagement.