Flüchtlinge schaffen es nur schleppend in den Bergsträßer...

Bilal Almulki, lebendes Bergsträßer Beispiel für gelungene Vermittlung, sitzt zwischen Stefan Rechmann und Diana Stolz. Foto: Sascha Lotz

Die Integration von Flüchtlingen in den Bergsträßer Ausbildungs- und Arbeitsmarkt geht nur langsam vonstatten. Nach Jahren mit Sprachkursen und Fortbildungen gelingt es nach...

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KREIS BERGSTRASSE. Die Vermittlung von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen an anerkannte Flüchtlinge verläuft auch im Kreis Bergstraße schleppend. Allerdings steigt die Erfolgsquote nach Angaben der Verantwortlichen stetig, was zusammen mit dem gestoppten Anstieg der Asylbewerberzahlen für einen insgesamt erfreulichen Trend sorge. „Es ist kein Fachkräfteansiedlungsprogramm gewesen“, sagt die Erste Kreisbeigeordnete Diana Stolz über die 2015 zum Massenbetrieb gewordene Betreuung von Flüchtlingen durch das Jobcenter. „Das muss man in aller Deutlichkeit sagen.“

Deutlich sind auch die Zahlen. Im März 2015 waren beim Kreis-Eigenbetrieb Neue Wege (kommunales Jobcenter) 376 sogenannte Bedarfsgemeinschaften mit anerkannten Flüchtlingen registriert, im einzelnen 827 Menschen. Im April dieses Jahres waren es 1644 Bedarfsgemeinschaften und 3515 Menschen, die Anspruch auf Sozialleistungen nach dem Sozialgesetzbuch II, vulgo: Hartz IV, haben. Das ist der Großteil der 4882 Flüchtlinge mit „ausländerrechtlichen Aufenthaltsstatus“ im Kreis Bergstraße.

2383 davon gelten als arbeitsfähig, von denen freilich 94,5 Prozent keine Ausbildung und 72 Prozent nicht einmal einen Schulabschluss haben.

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Die von Industrieverbänden erwarteten Hochqualifizierten unter den Flüchtlingen gebe es auch, sagt Neue-Wege-Leiter Stefan Rechmann. Es seien aber allenfalls fünf Prozent der Jobcenter-Kunden unter den Flüchtlingen, die problemlos den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt schaffen.

Alle anderen müssten darauf vorbereitet werden. Dafür gibt es die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) koordinierten Sprachkurse, die ab dem erreichten Niveau „B 2“ die Vermittlungsfähigkeit eines Flüchtlings belegen. Parallel dazu unterzieht Neue Wege diese Klientel „Maßnahmen“, die es für fast alle Lebenslagen gibt.

Bereits seit knapp drei Jahren wird das Förderinstrument „Neustart Bergstraße“ angewandt; entstanden ist es aus der Unzufriedenheit mit den BAMF-Sprachkursen. „Hier geht es darum: Wie funktioniert Deutschland?“, erklärt Diana Stolz, und von hier könne der Weg zu „Navi“ führen. Die so betitelten Kurse vermitteln grundlegende Kenntnisse im Umgang mit Arbeits- und Ausländerbehörden oder über die Anerkennung von Zeugnissen und Abschlüssen.

Wer es von dort nicht direkt zum Ausbildungs- oder Arbeitsmarkt schafft, für den gibt es mehrere Nachfolgeprogramme der Maßnahme „Kompas“. Organisiert an den vier Neue-Wege-Standorten Heppenheim, Mörlenbach, Bürstadt und Viernheim wird mit Erwachsenen und speziell Frauen sowie Jugendlichen unter den Flüchtlingen geklärt, welche Möglichkeiten und Fähigkeiten sie haben und wie beiden zusammenkommen kann. Im Ried, wo die Lagerhallen sprießen, gibt es ein Angebot, Asylbewerber auf Berufe in der Logistikbranche vorzubereiten.

Auch mit all diesen Instrumenten bleibe die Aufgabe der Arbeitsvermittlung eine Herausforderung, sagt der Experte, zumal seine Behörde großen Ehrgeiz habe: „Wir präferieren, dass die Menschen eine Ausbildung machen und nicht in Hilfskräfte-Berufen landen.“

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Totalverweigerer sind die Ausnahme

Viele landen immerhin überhaupt. 2700 Vermittlungen in sozialversicherungspflichtige Jobs meldet Neue Wege im Jahr, darunter 600 Flüchtlinge. Totalverweigerer gebe es auch, ergänzt Stolz, fügt aber hinzu: „Nichts machen und nur Hartz IV wollen, das gibt’s nicht.“ Notfalls verhänge das Amt Sanktionen. Bei Flüchtlingen wie Deutschen sei dies die Ausnahme, wie die Sanktionsquote von 2,5 Prozent belegt. Im Gegenteil seien Flüchtlinge „grundsätzlich sehr motiviert“, betont Rechmann, was sie gerade bei Handwerkern zu begehrten Arbeitskräften mache.

Einer, bei dem es mustergültig geklappt hat, ist Bilal Almulki. Der 23 Jahre alte in Syrien aufgewachsene Libanese kam im November 2015 nach Deutschland und im Jahr darauf nach Einhausen, wo er sich beim DRK engagierte. Das passt zum Berufswunsch von Almulki, der ab September im zweiten Ausbildungsjahr den Beruf des Krankenpflegers am Kreiskrankenhaus Bergstraße lernt.

Im Libanon hatte der inzwischen in Heppenheim lebende Flüchtling mit sogenanntem subsidiärem Schutzstatus ein einschlägiges Studium begonnen; über ein Praktikum im Kreiskrankenhaus und eine von der Einhäuser Flüchtlingshilfe unterstützte Bewerbung ist er auf dem Weg zu einem besonders sicheren Teil des Arbeitsmarkts. Die Hilfe von Neue Wege weiß er zu schätzen, spricht aber für Bergsträßer Schicksalgenossen: „Viele kennen Angebote wie Navi nicht.“

Von Christian Knatz