Chance und Gefahr zugleich

Unaufhörliches Grübeln hilft selten, wenn die Seele müde ist. Besser ist es bei psychischen Problemen, zunächst den Hausarzt aufzusuchen. Foto: hikrcn/Fotolia

Der psychisch kranke Mensch hat genau wie der somatisch kranke Mensch Anspruch auf umfassende Information über seine Störung und die mit seiner Krankheit verbundenen...

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KREIS BERGSTRASSE. Der psychisch kranke Mensch hat genau wie der somatisch kranke Mensch Anspruch auf umfassende Information über seine Störung und die mit seiner Krankheit verbundenen Behandlungsmöglichkeiten sowie die Entscheidungshoheit, ob und wie er behandelt werden möchte. Tatsächlich suchen viele Betroffene – allerdings auch ihre Angehörigen – zunächst nach Informationen im Internet.

Unaufhörliches Grübeln hilft selten, wenn die Seele müde ist. Besser ist es bei psychischen Problemen, zunächst den Hausarzt aufzusuchen. Foto: hikrcn/Fotolia
Eine Therapie kann durch soziale Netzwerke nicht ersetzt werden, sagt Thomas Rechlin. Foto: Lotz

Leider ist die Qualität der Online-Informationen sehr unterschiedlich und stimmt oft nicht mit wissenschaftlich entwickelten weltweit gültigen Behandlungsstandards in unserem Fach überein. Häufig sind die dargestellten Informationen sogar unzutreffend und einseitig – auch werden sie von der antipsychiatrischen Szene tendenziös missverständlich dargestellt. Das erfolgreichste Therapieverfahren schwerster depressiver Erkrankungen – die Elektrokrampftherapie – wird beispielsweise im Netz fast immer als extrem gefährlich bewertet, was kranke Patienten oder ihre Angehörigen sehr verunsichern kann.

Ein Beispiel für ein fachlich kompetentes Informationsforum ist das von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN) unterstützte „psychnet“ – Netz für psychische Gesundheit. Grundsätzlich sollte aber der Hausarzt der erste Ansprechpartner für alle Patienten mit noch unklaren Symptomen sein, der dann auch die Diagnostik und Therapie durchführen wird, gegebenenfalls mit fachärztlicher Unterstützung. Der bekannte Psychiater Manfred Spitzer veröffentlichte in diesem Jahr ein Buch mit dem Titel „Einsamkeit – die unbekannte Krankheit“, die er als „schmerzhaft, ansteckend und tödlich“ beschreibt. Das Buch wurde rasch zum Bestseller. Tatsächlich ist bei vielen psychisch kranken Menschen das soziale (familiäre) Netzwerk nicht vorhanden oder verloren gegangen, sodass die Betroffenen häufig in sozialen Netzwerken und Chaträumen Hilfe und Verständnis suchen.

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So findet man heute Foren für fast alle psychischen Störungen, von der Borderline-Störung bis hin zur schweren Zwangsstörung. Betroffene können sich dort über ihren Alltag, ihre Symptome und über Behandlungsmöglichkeiten austauschen, was durchaus Halt geben kann. Kritisch sehen viele Experten allerdings die ungenügende Sicherheit der ins Netz gestellten intimen Angaben und Daten und die Möglichkeit der Symptomverstärkung bis hin zur Aufforderung oder Verabredung zum Suizid. Meine Sorge ist, dass psychisch kranke Menschen in den sozialen Netzwerken die frühen negativen Beziehungserfahrungen aus ihrer Kindheit wiederholen. Eine professionelle (Psycho-)Therapie kann durch die sozialen Netzwerke nicht ersetzt werden.

In vielen europäischen Ländern insbesondere in den Niederlanden und den skandinavischen Ländern gibt es bereits eine mehr als zehnjährige Erfahrung mit internetbasierten Therapien für Menschen mit leichten bis mittelschweren depressiven Störungen und Menschen mit Angsterkrankungen. In den USA spielt die internetbasierte Therapie auch bei Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTSB) eine wesentliche Rolle in der Versorgung, insbesondere um die lange Wartezeit für eine Behandlung bei einem Psychotherapeuten zu überbrücken. Bei den internetbasierten Therapien handelt es sich überwiegend um Selbstmanagement-Programme, die als Grundlage die kognitive Verhaltenstherapie haben.

In Meta-Analysen konnte mittlerweile nachgewiesen werden, dass internetbasierte Therapien bei den genannten Störungsgruppen hochwirksam und einer Standardtherapie (face-to-face-therapy) nicht unterlegen sind, sofern bei den internetbasierten Therapien das Verfahren durch erfahrene Therapeuten online begleitet wird. Viele deutsche Krankenkassen unterstützen daher mittlerweile Forschungsprogramme zur Onlineberatung und Onlinetherapie, wie etwa die Techniker Krankenkasse in einem Modellprojekt mit der Freien Universität Berlin.

Prof. Dr. Bohus (Mannheim) ging so weit, dass er davon sprach, dass unser psychiatrisches „Weltbild auf den Kopf“ gestellt werde und Prof. Dr. Freyberger (Stralsund) sprach sogar davon, dass „die Digitalisierung uns lächerlich“ machen würde. Ganz so dramatisch sehe ich diese Entwicklung aber nicht.

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Aus meiner Sicht stellen internetbasierte Therapien eine Ergänzung der bisherigen psychotherapeutischen Angebote dar, wobei wir noch nicht genau wissen, für welche Patienten diese Therapieformen ausreichen. Hier ist noch viel Forschungsarbeit zu leisten. Zudem scheint es auch bei den internetbasierten Therapien so zu sein, dass der Kontakt zum Therapeuten – wenn auch online – wichtig bleibt. Es ist davon auszugehen, dass E-Health-Module die bisherigen psychiatrischen Therapieangebote in absehbarer Zukunft erweitern werden.

Prof. Dr. Thomas Rechlin ist der Ärztliche Direktor der Vitos-Klinik in Heppenheim.

Von Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Thomas Rechlin