Gewaltexplosion: Vor zehn Jahren sorgte ein Familienstreit...

Der Platz vor der Eisdiele kurz nach der Tat. Tische und Stühle liegen kreuz und quer durcheinander, dazwischen die Leichen der Opfer. Foto: Hans Dieter Erlenbach

Der 12. August 2008 war ein herrlicher Sommertag. Eine gute Gelegenheit, den Abend bei einem Eis ausklingen zu lassen. Dass der Abend mit drei Toten enden und Rüsselsheim...

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RÜSSELSHEIM/LAMPERTHEIM. Der 12. August 2008 war ein herrlicher Sommertag. Eine gute Gelegenheit, den Abend bei einem Eis ausklingen zu lassen. Dass der Abend mit drei Toten enden und Rüsselsheim bundesweit in die Schlagzeilen bringen würde, ahnte zunächst niemand.

Im Eiscafé De Rocco in der Bahnhofstraße sind an diesem Abend fast alle Plätze belegt. Drinnen sitzen an einem Tisch acht Männer, die lautstark diskutieren. Sie entstammen zwei Großfamilien, die ihren Ursprung in Tunceli in der Osttürkei haben. Sie wohnen heute in Wiesbaden und in Rüsselsheim und Raunheim.

Die beiden Familien sind offenbar in Streit geraten. Warum, ist auch später im Prozess vor dem Darmstädter Landgericht nicht im Detail zu ermitteln. Die Wiesbadener Türsteherszene und ein Wettbüro in Rüsselsheim sollen eine Rolle gespielt haben. Einer aus der Raunheimer Großfamilie soll vor einer Diskothek in Wiesbaden eine heftige Auseinandersetzung mit einem Mitglied der Wiesbadener Familie gehabt haben. Spielschulden und verletzte Ehre werden ebenfalls genannt.

Die Spurensuche am Tatort dauert drei Tage

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Gottfried Störmer, heute Bürgermeister in Lampertheim im Kreis Bergstraße und Stefan Müller, heute Präsident des Polizeipräsidiums Westhessen in Wiesbaden, waren damals die leitenden Beamten des Wiesbadener Landeskriminalamtes (LKA), das unmittelbar nach der Tat die Ermittlungen übernommen hatte. Akribisch genau wurde in drei Tage dauernder Arbeit von einem Dutzend Spurensicherer rekonstruiert, was in der Rüsselsheimer Eisdiele passierte. Heute wissen sie, welche Kugel aus welcher Pistole abgefeuert wurde und wen getroffen hat. Sie kennen die Hintergründe der beiden Großfamilien, haben am Abend der Tat noch 20 Wohnungen in Raunheim, Rüsselsheim und Wiesbaden durchsucht. Alle verfügbaren Sondereinsatzkräfte aus der Rhein-Main-Region, etwa 200 an der Zahl, waren im Einsatz. Ebenso drei Staatsanwälte. "Unfassbar, dieses hohe Gewaltpotenzial", sagen Stefan Müller und Gottfried Störmer, die im Gespräch mit dieser Zeitung die umfangreichen Recherchen und Tatortprotokolle offenlegen. Es wurden rund 100 Zeugen vernommen, einige von ihnen traumatisiert von dem, was sie an diesem Abend erleben mussten, zudem nicht alle glaubwürdig. Im Nachhinein sagen Müller und Störmer, es grenze an ein Wunder, dass es nicht mehr Todesopfer gab. Denn die Männer seien allesamt bewaffnet gewesen. Die Mitglieder der Raunheimer Familie mit Pistolen, die aus Wiesbaden mit Elektroschockern, Messern und Schlagringen. An eine friedliche Einigung denkt wohl niemand. "Die waren auf alles vorbereitet", so Müller.

Zurück zum Tatabend: Plötzlich springen die Männer von ihren Plätzen auf und gehen aufeinander los. Erdal E. sticht auf Erkan K. ein. Dieser geht zu Boden und schießt auf seinen Angreifer. Taylan K., ein Verwandter des schwer verletzten Erkan K., schießt hinter den Flüchtenden her, trifft aber nicht. Er dreht sich um und schießt auf die noch immer kämpfenden Männer, trifft dabei seinen Cousin Erkan K. aus Versehen.

Die Besucher des Eissalons rennen in Panik davon. Tische und Stühle stürzen um, überall Blut. Am Ende sterben Denis E aus der Wiesbadener Großfamilie und Erkan K., der in Raunheim in einer Penthouse-Wohnung lebte. Er war vermögend, in Raunheim bekannt wegen seiner auffälligen und teuren Sportwagen, mit denen er sich gerne zeigte. Er wurde mit zahlreichen Messerstichen regelrecht hingerichtet. Neben den beiden Türken stirbt aber auch eine völlig unbeteiligte Frau. Anna K., die in dem direkt neben dem Eiscafé gelegenen Restaurant arbeitet. Sie wird versehentlich getroffen. Sie hat vor dem Eiscafé gesessen, am Rand, direkt an der Gaststätte ihrer Familie. Nach Recherchen der Polizei wollte sie fliehen, stieß aber mit Erdal E. zusammen, der von Erkan K. unter Beschuss genommen wird. Getroffen von zwei Kugeln, verblutet sie am Tatort.

Minuten nach der Schießerei ist die Polizei mit zahlreichen Streifenwagen vor Ort. Großeinsatz. Die Lage ist unübersichtlich. Bekannte und Verwandte der beiden verfeindeten Familien tauchen von überall her auf, versuchen sich Zutritt zum Tatort zu verschaffen, der von der Polizei weiträumig abgesperrt wird. Eine Stunde später treffen Beamte des Landeskriminalamtes ein. In weißen Schutzanzügen untersuchen sie den Tatort, sichern Spuren.

Schon am nächsten Tag sind erste Beteiligte gefasst oder haben sich gestellt. Der letzte Tatverdächtige, Serdal E., wird Ende Oktober in Belgien festgenommen. Der Bereich um die Wohnung der führenden Köpfe der Großfamilien in Raunheim und Wiesbaden sowie ein Rüsselsheimer Wettbüro werden drei Monate lang von Polizei in Uniform und in zivil bewacht. Es werden weitere Taten befürchtet. Der Vater von Erkan K. fordert die Polizei auf, sich aus den Streitigkeiten rauszuhalten. "Das regeln wir unter uns".

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"Es gibt keinen Platz für Selbstjustiz und Racheaktionen", hat Stefan Müller den Clanchefs deutlich gemacht. "Wir haben viel mit den Familienoberhäuptern geredet".

Heute weist nichts mehr auf die brutale Auseinandersetzung hin. Das Eiscafé gibt es nach wie vor, ebenso die direkt daneben gelegene kleine griechische Taverne. Müller hat vor einiger Zeit in dem Eiscafé ein Eis gegessen. Und sich "an die Gewaltexplosion in der Rüsselsheimer Fußgängerzone" erinnert.