Was von der Heppenheimer Synagoge übrig blieb
Hermann Müller berichtet über den Stand der Spurensuche. Das Gelände könnte zum „Bürgerpark für Kultur und Begegnung“ werden.
HEPPENHEIM. Eines der Fotos, mit denen Dr. Hermann Müller seinen Vortrag über die Heppenheimer Synagoge illustrierte, muss am Morgen des 10. November 1938 aufgenommen worden sein. Es zeigt eine Rauchsäule über dem Gotteshaus mit dem Schlossberg im Hintergrund. Von der Synagoge, die Anfang Oktober 1900 eingeweiht worden war, blieben nur Schutt und Asche.
Müller hat sich wie viele seiner Mitstreiter aus der Bürgerstiftung, dem Geschichtsverein sowie aus der Stadt- und Laternenführergilde auf Spurensuche begeben. In seinem Vortrag präsentierte der Heimat- und Familienforscher die Ergebnisse, die zeigen: Ende des 19. Jahrhunderts lebte die jüdische Gemeinde friedlich mit ihren christlichen Nachbarn. „Die Juden haben dazugehört, es gab keine Differenzen, und es wurde gemeinsam gefeiert“, sagte Müller.
Brüder Hirsch finanzierenNeubau des Gebetshauses
Als die Synagoge eingeweiht wurde, waren die Häuser mit Fahnen geschmückt. In den Festsälen des Hotels Halber Mond und des Gasthauses Goldener Anker spielten Militärkapellen, wie Müller dokumentierte. Die ganze Stadt wusste, wem sie es zu verdanken hatte, dass die Synagoge in der Altstadt verkauft und das neue Gotteshaus gebaut werden konnte: Den Brüdern Adolf, Leopold und Heinrich Hirsch, Mitglieder aus Heppenheims jüdischer Gemeinde. Sie waren nach London ausgewandert und dort zu Vermögen gekommen.
Müllers Vortrag ordnete die Rolle der Brüder Hirsch in die neuere Heppenheimer Stadtgeschichte ein. Er erwähnte, dass die Bankiers regelmäßig größere Summen für die Armen überwiesen. Die Spenden wurden – so hatten sie es verfügt – „ohne Unterschied der Konfession“ verteilt. Als die Brüder Hirsch zusagten, den Bau einer neuen Synagoge zu finanzieren, erhielt der Bergsträßer Jugendstilarchitekt Heinrich Metzendorf den Auftrag zur Planung, dessen Bruder Georg war Bauleiter. Laut Müller war auch das ein Beleg für die Heimatverbundenheit der Auswanderer, die fast jährlich zurück an die Bergstraße reisten und selbst in der Fremde Wert darauf legten, „deutsche Bürger“ zu sein. Adolf, Leopold und Heinrich Hirsch wurden 1908 zu Ehrenbürgern ernannt.
Die Synagoge mit der Empore und dem schlicht gestalteten Innenraum prägte mit der Pfarrkirche Sankt Peter, die 1904 eingeweiht wurde, das Stadtbild. Zu dem 3400 Quadratmeter großen Gelände gehörten Weinberg, Wiese, Obstbäume und Garten. „Dann kam das schreckliche Jahr 1933“. Mit diesen Worten leitete Müller seine Beschreibung dessen ein, was sich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Heppenheim wie im ganzen Deutschen Reich abspielte. Die Demütigung und Verfolgung der Juden begann in Heppenheim schon im Frühjahr 1933, wie ein Bild im Museum unter dem Holocaust-Mahnmal in Berlin zeigt. In Heppenheim wurde die Friedrich-Ebert- in Adolf-Hitler-Straße umbenannt. Jüdische Kaufleute mussten ihre Geschäfte schließen, um ihnen die Existenzgrundlage zu entziehen. „Das zeigt, welche Macht die Nazis schon hatten und wie sie diese radikal ausgenutzt haben“, sagte Müller. Die letzten Juden wurden 1942 aus Heppenheim deportiert.
Wie Müller weiter berichtete, hatten die Brandstifter in der Pogromnacht das Gestühl der Synagoge auf einen Haufen geworfen, mit Benzin übergossen und angezündet.
Das Synagogengelände blieb bis Anfang der fünfziger Jahre ein Trümmerhaufen, bis Nachbarn aufräumten und das Gelände pflegten. Die Spuren der Familie Hirsch verlieren sich laut Müller während des Zweiten Weltkriegs. Rechtlich blieben sie bis in die achtziger Jahre die Grundstücksbesitzer, wie Professor Karl Härter ergänzte, der Vorsitzende des Geschichtsvereins. Vor wenigen Jahren kam das Gelände in den Besitz der Stadt mit der Auflage, es der Bürgerstiftung zu übertragen, was 2016 geschah.
Müller beschrieb, was bisher gefunden oder freigelegt wurde: Messingstangen, mit denen die Teppichläufer auf dem Boden der Synagoge fixiert waren, der Schlussstein aus einem Giebel, ein Heizungsschacht, Fliesen, verkohltes Holz, Bruchstücke von Dachziegeln, und das Toilettenhäuschen, das rechts von der Apsis stand. Zur Überraschung der bis zu 70 ehrenamtlichen Helfer fanden sie bei den Aufräumarbeiten auch den Zugang zu einem 16 Quadratmeter großen Gewölbekeller. Dieses Gemäuer war Teil der Synagoge und ist laut Müller so gut erhalten, dass es als Veranstaltungs- und Ausstellungsraum genutzt werden könnte. Die Mitglieder der Bürgerstiftung hoffen, das Gelände in einen „Bürgerpark für Kultur und Begegnung“ verwandeln zu können. Dort könnte die Geschichte der Synagoge sowie die Erinnerungen an die jüdischen Bürger und die Architekten Metzendorf gepflegt werden.