Stolperstein-Verlegung in Heppenheim

Gunter Demnig verlegt Stolpersteine vor dem Stadthaus Mainzer in der Fußgängerzone. Foto: Sascha Lotz

31 Nachfahren der Familie Mainzer nehmen an der Zeremonie in der Fußgängerzone teil.

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HEPPENHEIM. Für Mia Mainzer (10) und Lucas Snyder (9) wurde Geschichte wie auch Familiengeschichte am Dienstag begreifbar – im Wortsinn. Mia ist aus Israel, Lucas aus den USA angereist, um zu erleben, wie in der Heppenheimer Friedrichstraße elf Stolpersteine verlegt wurden. Zwei erinnern an Mias und Lucas‘ Ur-Urgroßeltern, Jakob und Berta Mainzer, die 1942 deportiert und im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurden. Auf vier weiteren Stolpersteinen stehen die Namen und Daten von Richard, Hildegard, Wilhelm und Fritz Mainzer, die ihre Heimat 1935/1936 verlassen mussten.

Fünf weitere Steine wurden zum Gedenken an Jakobs Bruder Berthold Mainzer und dessen Familie verlegt. Jakob wurde Opfer des Holocaust, seiner Frau Johanna gelang 1940 über Japan die Flucht nach Argentinien, wo ihre Söhne Georg und Rudolf – die zwischen 1933 und 1936 emigrierten – Fuß zu fassen versuchten. Tochter Lotte war bereits 1933 über Frankreich ausgereist und erreichte 1937 die USA.

31 Nachfahren der Familie Mainzer sind aus Israel, USA und Australien nach Heppenheim gekommen, um die Feierstunde mitzuerleben und jene Stadt kennenzulernen, wo ihre Vorfahren 140 Jahre lang lebten, lachten, liebten, beteten, arbeiteten und für Deutschland in den Ersten Weltkrieg zogen – bis die unsägliche Ideologie der Nationalsozialisten Hass und Gewalt predigte und rassistische Gräben aufriss.

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„Heppenheim zeigt Flagge“, sagte Bürgermeister Rainer Burelbach angesichts der rund 100 Heppenheimer, die vor dem ehemaligen Kaufhaus Mainzer innehielten und die Feierstunde verfolgten. „Die Steine sind ein Symbol für Ereignisse, die wir nicht wiedergutmachen können.“

Lilith Hansen, Anne Riedel und Alicia Heß, Schülerinnen des Starkenburg-Gymnasiums, zeichneten die Stationen nach, wo die einzelnen Mitglieder der Familie Mainzer in den 30er, 40er und 50er Jahren Zuflucht fanden und versuchten, sich ein neues Leben aufzubauen.

Wilhelm Mainzer etwa, der eine Autobiografie über sein wechselhaftes Leben verfasst hat, fand nach 1933 keine Arbeit als Arzt in Deutschland. Er nahm eine Stelle in der Ukraine an. Seine holländische Verlobte folgte ihm. Nach Heirat und Geburt einer Tochter wurde er verhaftet und ausgewiesen. Nach einer kurzen Zeit in Holland arbeitete er als Arzt in China, wanderte 1949 nach Israel ein und starb dort 1984.

„In Israel leben etwa 70 Nachfahren der Familie Mainzer. Wir halten auch regen Kontakt zu den Familienmitgliedern in den anderen Teilen der Welt,“ sagt sein Sohn Israel Jakob Mainzer (70), der mit seiner Familie zur Stolpersteinverlegung an die Bergstraße gekommen ist. Und er mahnt: „Es ist wichtiger, sich auf die weiße Seite der Geschichte zu konzentrieren, nicht auf die schwarze.“ Leid und Verluste habe seine Familie zu Genüge erfahren, umso wichtiger sei es, positive Entwicklungen darzustellen.

Aus San Francisco ist Elliot Mainzer angereist. Sein Großvater Richard verlor 1933 seine Zulassung als Rechtsanwalt, er emigrierte nach Holland und konnte nach Verhaftung und Haft in Hamburg 1941 nach Kuba ausreisen. Seine Frau und die beiden Kinder wurden 1943 im Lager Westerbork interniert und 1944 ins KZ Bergen-Belsen deportiert. Die Drei überlebten, die Familie fand 1946 auf Kuba wieder zusammen.

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„Die Feier und der Gang durch die Heppenheimer Straßen haben mich sehr berührt“, sagt Elliot Mainzer, der auf einem US-Militärstützpunkt in Deutschland geboren ist, wo sein Vater stationiert war. In Heppenheim ist er zum ersten Mal. „Es ist gut, dass so viele Menschen die Erinnerung wachhalten und wissen wollen, was damals genau geschehen ist“, sagt er – auch mit Blick auf das Erstarken der neuen Rechten in Europa und in den USA. Sein Dank gilt den Mitgliedern des Vereins Stolpersteine Heppenheim, die die Geschichte der Familie Mainzer recherchiert haben.

Nach einem berührenden jiddischen Lied und einem Kaddisch für die verstorbenen Familienmitglieder trugen sich die Nachfahren im Rathaus ins Goldene Buch der Stadt ein. Ein Rundgang zu den Plätzen, wo jüdisches Leben in Heppenheim über Jahrhunderte prosperierte, folgte an Nachmittag.

Von Doris Strohmenger