Heppenheim: Erinnerung an Nathan Friedmann

Nathan Friedmann war der letzte jüdische Religionslehrer in Heppenheim. Foto: Verein Stolpersteine

33 Jahre hat er in Heppenheim gelebt, arbeitete hier bis 1938. Für den letzten jüdischen Religionslehrer in Heppenheim soll im kommenden Jahr ein Stolperstein verlegt werden.

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HEPPENHEIM. (red). Seit geraumer Zeit forscht der Verein „Stolpersteine Heppenheim“ zur jüdischen Familie Friedmann, die ehemals in Heppenheim lebte. Für Nathan Friedmann soll den Angaben zufolge im Februar 2022 ein Stolperstein verlegt werden. Er war der Einzige der Familie, der nach 1933 noch in der Kleinstadt lebte.

Im Frühjahr 1905 trat der neue Lehrer für jüdische Religion seine Stelle in Heppenheim an. Ein seminaristisch gebildeter Lehrer für den Religionsunterricht an der Realschule war von der jüdischen Gemeinde gesucht worden, zu dessen Aufgabenbereich die Ausübung des Kantors und Schochets gehörte. Der Neue – Nathan Friedmann, 35 Jahre alt – ließ sich mit seiner Familie in Heppenheim nieder. 33 Jahre sollte er seinen Dienst hier tun.

Geboren war er in Aschenhausen (Thüringen), seine Frau Settchen, geb. May, stammte aus Roßdorf. Dort wurden auch die drei Söhne geboren. Sally, Hugo und Ludwig waren zehn, acht und sechs Jahre alt, als sie nach Heppenheim kamen. An der Oberrealschule unterrichtete Nathan Friedmann mit acht Wochenstunden. Auch die eigenen Kinder besuchten die Oberrealschule.

Friedmann kam in einer Zeit nach Heppenheim, in der eine rege Bautätigkeit in der Kreisstadt herrschte. Die Kirche St. Peter war 1904 eingeweiht worden, 1906 eröffnete das Kaufhaus Mainzer, das Großherzogliche Finanzamt (heute Stadtbücherei) wurde fertiggestellt, das Villenviertel entstand. Am Starkenburgweg war 1900 die neuerbaute Synagoge eingeweiht worden. Über eine steinerne Treppe hinauf erreichte man die Synagoge, die zu Füßen der Starkenburg stand und von der aus man über Heppenheim blicken konnte. Dort wirkte Nathan Friedmann bis kurz vor der Zerstörung der Synagoge 1938, übernahm als Kantor die Aufgabe des Vorbeters und leitete die Gottesdienste.

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Von seinem Haus in der Lorscher Straße 23 machte er sich auf den Weg zur Synagoge. Die mittlerweile gestorbene Frau Löffler erinnerte sich noch daran, wie Friedmann durch die Hermannstraße ging und für die Kinder immer ein „Gutsje“ in der Tasche hatte. Auch in Birkenau unterrichtete Friedmann von 1915 an jüdische Kinder. An einem Tag in der Woche fuhr er mit der Bahn dorthin. Nachdem es zu Streitigkeiten gekommen war, wurde der Vertrag mit der jüdischen Gemeinde in Birkenau 1920 beendet.

1931 starb Settchen Friedmann. Nun war Nathan allein. Die Kinder waren längst aus dem Haus und gingen unterschiedlichen Berufen nach. So war es sicher von Vorteil, dass quasi um die Ecke – In der Krone 7 – Verwandtschaft wohnte. Leopold Goldblum und seine Frau Bertha, eine Nichte von Settchen Friedmann, führten dort ein Schuhgeschäft, und vermutlich war Nathan Friedmann häufig zu Gast bei Goldblums.

Die Nationalsozialisten übernahmen 1933 die Macht. Die Lorscher Straße wurde umbenannt in Ferdinand-Werner-Straße. Im August 1938 verkaufte Friedmann sein Haus an den Zigarrenfabrikanten Ferdinand Bösche. Auf das wenige Geld, das ihm vom Verkauf blieb, wurde ihm der Zugriff untersagt. Er musste die Devisenstelle in Frankfurt um Genehmigung für gewünschte Ausgaben bitten und diese begründen.

Bevor er die Stadt, die sein Zuhause geworden war, für immer verließ, wohnte Nathan Friedmann noch für einige Zeit bei den Goldblums. Im August meldete er sich von deren Adresse aus Heppenheim ab. Nathan zog nach Frankfurt in ein jüdisches Altersheim. Zur gleichen Zeit verließ sein Sohn Hugo Deutschland und emigrierte in die USA. Ludwig war bereits ein Jahr zuvor nach Montevideo geflüchtet. Für einige Zeit wohnte sein ältester Sohn Walter (Sally) Friedmann bei ihm. Als Sänger und Schauspieler hatte dieser keine Möglichkeit, seinen Beruf weiterhin auszuüben. 1939 verließ auch er mit seiner Frau Hilde Deutschland und flüchtete nach Schanghai.

Nathan Friedmann erkrankte schwer. Er starb am 27. Dezember 1940 im israelitischen Krankenhaus in Frankfurt an Bronchialkrebs und Herzschwäche. Auf dem Neuen jüdischen Friedhof in der Eckenheimer Landstraße wurde er beigesetzt.