Heppenheim erinnert an den Tag der Schande

Der Rest ist Schweigen: Gedenkstunde vor dem Grundstück, auf dem bis 1938 die Heppenheimer Synagoge stand. Foto: Sascha Lotz

Mit einer Gedenkstunde und einer szenischen Lesung ist in Heppenheim an den Tag erinnert worden, an dem die Synagoge zerstört wurde. Beide Veranstaltungen stießen auf große...

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HEPPENHEIM. Es sind 52 Namen, die alljährlich am Abend des 9. November an der Stelle zu vernehmen sind, an der bis zum 10. November 1938 die Synagoge stand – zum ehrenden Gedenken an diejenigen Heppenheimer Juden, die in der Shoah von 1933 bis 1945 umgekommen sind. 52 Schicksale, die niemals der Vergessenheit anheimfallen sollen, wofür sich seit 2013 auch der Verein „Stolpersteine – Erinnern für die Zukunft“ stark macht. Und die Aktiven stehen nicht allein: Beim Schweigekreis am Freitagabend auf Einladung der Kirchengemeinden versammelten sich erneut zahlreiche Bürger am Starkenburgweg, während die Glocken aller Gotteshäuser 15 Minuten lang läuteten.

Hans Jürgen Basteck, Pfarrer in der evangelischen Heilig-Geist-Gemeinde, der mit seinen Amtskollegen Thomas Meurer von Sankt Peter und Matthias Lich von „Erscheinung des Herrn“ die Namen der Opfer verlesen hatte, rekapitulierte die Geschichte der am 10. Oktober 1900 eingeweihten Synagoge. Nicht einmal ein halbes Jahrhundert sollte sie Bestand haben. In der Pogromnacht wurde sie gesprengt und in Brand gesetzt, als auch in Heppenheim der braune Mob durch die Straßen zog.

Rundum überzeugende Darstellung im Marstall

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Nach Fürbitten und einem gemeinsam gebeteten Vaterunser gab es Gelegenheit, einen Blick in den Gewölbekeller unterhalb des 3000 Quadratmeter großen Grundstücks zu werfen. Die Bürgerstiftung Heppenheim hat es von der Stadt übernommen, um es zu einem Ort der Begegnung zu gestalten.

Vor dem Schweigekreis hatte der Verein „Stolpersteine“ um Vorsitzende Sabine Fraune unter der Überschrift „80 Jahre Pogromnacht – zwei Schicksale jüdischer Familien aus Heppenheim 1933 bis 1945“ in den Marstall eingeladen, und auch hier blieb kein Platz unbesetzt. Louisa Bender, Julia Varycheva, Maxim Brückmann und Manuel Schütz, Schüler des Starkenburg-Gymnasiums und Mitglieder beim neuen Schauspielprojekt „Cargo“, hatten mit Erich Henrich, Leiter des Vorgängerensembles „LiZi“, eine szenische Lesung einstudiert, die den Zuhörern das Leiden der Familie Sundheimer sowie von Sofie Fischer eindringlich nahebrachte.

Das biografische Material hatten die Recherchegruppen des Vereins „Stolpersteine“ Henrich und den Gymnasiasten an die Hand gegeben. Die rundum überzeugende Darstellung oblag den Akteuren, die sich ihrer Aufgabe behutsam und mit großem Einfühlungsvermögen stellten.

Zur Sprache dabei kam auch der Erlebnisbericht einer Zeitzeugin, Gertrud Frank, die als Nachbarskind neben Sundheimers, die im Haus Lehrstraße 3 wohnten, aufwuchs und Tag für Tag mit den fünf Kindern der Familie spielte. Was Frank, die bereits verstorben ist, in der Pogromnacht erlebt hatten, konnte sie im Gespräch mit den Rechercheuren noch weitergeben: „Als die Synagoge brannte, sind wir alle in den Garten gegangen. Von dort konnten wir rüber schauen. Nebenan waren die Sundheimers auch im Garten und haben erklärt, was gerade verbrennt. Bei Sundheimers und bei Selma Hirsch sind sie auch in die Wohnung eingedrungen und haben alles zusammengeschlagen und alles auf die Straße geschmissen.“

Sophie Fischers furchtgeplagtes Leben in dieser Zeit hat ihre Enkelin Marianne Degginger, die bei ihren in „Mischehe“ lebenden Eltern in Berlin dem Holocaust entronnen ist, in zwei Erinnerungsbüchern festgehalten: „Omi schrieb von ganz merkwürdigen Dingen. Läden wurden überfallen, die Einrichtung zerschlagen. Omi war außer sich vor Angst. In Heppenheim wurden unsere Verwandten bespuckt und alle jüdischen Gebäude und Wohnhäuser beschmiert.“

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Sofie Fischer starb 1943 in Theresienstadt; aus der Familie Sundheimer haben nur die älteren, rechtzeitig emigrierten Töchter Käthe, Else und Gertrud überlebt. An sie und ihre ermordeten Angehörigen erinnern seit dem 7. November 2014 sieben Stolpersteine an der Lehrstraße 3. Einen Stolperstein für Sofie Fischer an der Darmstädter Straße 20 hat ihr Ururenkel Pascal Bitterli am 13. November 2015 ins Pflaster eingefügt.