Dunkles Kapitel in Heppenheim

Die Familie Mainzer um 1928/29: Das Foto stammt aus dem Nachlass von Gertrud Mainzer. Foto: Familie Mainzer

Auch nach 1945 hat die jüdische Familie Mainzer keine Gerechtigkeit erfahren.

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HEPPENHEIM. Der Aktionskünstler Gunter Demnig hat am 26. März vor dem ehemaligen Kaufhaus Mainzer in der Heppenheimer Fußgängerzone elf Stolpersteine verlegt. In einem Vortrag vor Mitgliedern und Gästen des Heppenheimer Geschichtsvereins hat dessen Vorsitzender Professor Karl Härter am Freitag Bilder und Dokumente präsentiert, die belegen, wie die Familie Mainzer als Gewerbetreibende die Wirtschaft und das kulturelle Leben der Stadt bereichert haben.

Härter sprach über den wirtschaftlichen Aufstieg im 19. Jahrhundert, über die Eröffnung des Kaufhauses am 23. November 1903 und über die Verfolgung nach 1933. Er schloss damit, dass das NS-Regime bis 1945 drei Mitglieder der Familie Mainzer tötete und acht weitere zur Auswanderung zwang. Und das zerstörte, was über fünf Generationen als Geschäfts- und Gewerbebetrieb zum Erfolg geführt wurde.

Dass der Familie auch nach 1945 keine Gerechtigkeit widerfuhr, gehört zu den dunklen Kapiteln der Bundesrepublik. Der Jurist Härter berichtete, wie die Gerichte sämtliche Klagen der Nachkommen abwiesen und wie sie die Täter – wenn diese überhaupt zur Verantwortung gezogen wurden – mit symbolischen Strafen davonkommen ließen. Das Letzte dieser Verfahren wurde laut Härter 1964 abgeschlossen. Wilhelm Mainzer schrieb am 10. Mai 1978, offenbar bitterenttäuscht: „Ich fühle mich materiell vollständig ungenügend von Deutschland entschädigt für das, was ich durchmachen musste.“

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Dabei erwähnte Härter auch, dass das Vorgehen der Nazis von großen Teilen der Heppenheimer Bevölkerung kritisch gesehen wurde. Doch wer es wagte, Kritik zu äußern, begab sich selbst in Lebensgefahr.

Zu den Quellen, auf die Härter seinen Vortrag aufbaute, gehört die Dokumentation des früheren Bürgermeisters Wilhelm „Geschichte und Geschicke der Heppenheimer Juden“ aus dem Jahr 1982. Härter konnte außerdem den Nachlass von Gertrud Mainzer einsehen sowie Akten im hessischen Staatsarchiv in Darmstadt.

Er will das, was er am Freitag mündlich vorgetragen hat, als Aufsatz publizieren. Wenn das ehemalige Kaufhaus Mainzer im Mai offiziell als Stadthaus eröffnet wird, sollen in sogenannten Info-Fenstern Daten und Fakten erhellt werden.

Härter erhielt im voll besetzten Marstall viel Applaus für seinen Vortrag. Er wiederholte mehrfach, dass das Schicksal der Mainzers kein Einzelfall war, sondern exemplarisch ist für den rassistischen Antisemitismus der Nationalsozialisten.

Härters Vortrag begann mit dem Ehepaar Wilhelm und Babette Mainzer geborene Götz, die 1870 heirateten und elf Kinder bekamen. Bis 1875 wohnt die Familie an der Wilhelmstraße. Mit den Söhnen Jakob und Berthold baute der Kaufmann nach den Plänen des Jugendstilarchitekten Heinrich Metzendorf das Kaufhaus an der Friedrichstraße, das auch Werkstatt und Wohnung war. Manufaktur- und Kurzwaren, Möbel, Polsterei, Sattlerei, Schneiderei, Bank, Immobilien, Auswanderungsbüro, all das boten die Mainzers unter einem Dach. 1935 verließen Jakob Mainzer und seine Ehefrau Bertha Heppenheim.

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Härter dokumentierte, wie die Mainzers es durch Fleiß und Bildung schafften, in die Mittel- und Oberschicht der Gesellschaft aufzusteigen. „Das war eine gutbürgerliche deutsche Familie“, sagte er. Die Nachkommen waren nicht nur als Unternehmer erfolgreich, sondern auch als Ärzte, Juristen und im Militär.