„Du fehlst“: Ayse Bosse und Petra Schaberger geben Buch...

Petra Schaberger präsentiert den neuen Geschichten-Sammelband für einen guten Zweck. Foto: Sascha Lotz  Foto: Sascha Lotz

„Ich drehe an der Zeit. Ein sonniger Tag im Mai, wir müssen auf den Balkon hinausgehen, damit wir es sehen. Mein Bruder und ich, die Sonne und Seifenblasen. Ein Spiel, wer...

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HEPPENHEIM. „Ich drehe an der Zeit. Ein sonniger Tag im Mai, wir müssen auf den Balkon hinausgehen, damit wir es sehen. Mein Bruder und ich, die Sonne und Seifenblasen. Ein Spiel, wer sich weiter hinauslehnen kann, um sie wieder einzufangen. Wir sehen, wie ich mich zu weit hinauslehne, wie ich vor lauter Überraschung nicht einmal schreien kann. Jetzt habt ihr es gesehen, wir gehen hinaus, zurück auf die Straße. Jetzt ist wieder jetzt, die Zeit läuft normal, ihr geht zu eurem Termin, in die Schule oder zu jemandem, den ihr liebt. Und ich gehe dorthin, wo wir uns irgendwann wiederbegegnen.“

„Neun Jahre“ heißt die Kurzgeschichte von Julia Costa, die mit 49 weiteren Texten nachzulesen ist in der Anthologie „Du fehlst“, am 20. Juli erschienen und herausgegeben von Ayse Bosse, Autorin und Trauerbegleiterin, und der Heppenheimer Mediengestalterin und Autorin Petra Schaberger. Beide haben sich im Mai 2017 auf der Messe „Leben und Tod“ in Bremen kennengelernt, teilen die Erfahrung, geliebte Menschen verloren zu haben und das Wissen um die Verdrängung und Ausgrenzung, den Schmerz und die ohnmächtige Wut, die Lücke, die sich oft von einem Moment zum anderen auftun kann, nicht füllen zu können.

Eine Einsicht, die Bosse und Schaberger zu einem gemeinsamen Projekt verhalf, das unerwartet große Resonanz erfuhr: Über Petra Schabergers Blog www.blogq5.de riefen sie zu einem Schreibwettbewerb „Geschichten von Leben und Tod“ auf, der zudem einem guten Zweck dienen sollte, gewannen Frank Kühne vom Carlsen-Verlag als Sponsor für das Preisgeld und hofften zunächst mal auf 20 Einsendungen.

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Gestartet wurde die Aktion am Totensonntag 2017, bis zum Frühlingsanfang am 20. März 2018 hatten sich 730 Manuskripte à vier DIN-A4-Seiten neben dem Drucker aufgetürmt: „Das hat uns gezeigt, wie viel Druck mit diesem Thema verbunden ist“, erinnerte sich Petra Schaberger. Und bevor sich die Initiatorinnen mit Unterstützung von Christa Lübke, ebenfalls einer Trauerbegleiterin, anschickten, 50 Texte für das geplante Buch auszuwählen, gründeten Schaberger und Ehemann Thomas Klinger – er als Inhaber, sie als kreativer Kopf – kurz entschlossen noch einen Verlag, den sie Q5-Verlag nannten, analog zu ihrer schon bestehenden Manufaktur für Chroniken namens „Quintessenz“. Der Name war schnell ausgewählt, das Prozedere dauerte etwas länger, „aber“, so Petra Schaberger, „ein Nischenprodukt braucht gebündelte Energie, um es nach vorn zu bringen, und man kann nicht während des Spiels das Tor verrücken“.

Die Benefizidee – mit 60 Prozent des Verkaufserlöses sollen Hospizvereine, darunter auch das Bensheimer Hospiz, gefördert werden – trugen alle Beteiligten mit: Die Autoren aus mehreren Ländern schenkten dem Verlag ihre Geschichten, Illustratorin Barbara Nagel den Buchschmuck und das eindrucksvolle Cover („kein Schwarz bitte“, hatte Petra Schaberger gebeten), Lektoren und Korrektoren arbeiteten fast ehrenamtlich.

Viele Texte sind autobiografisch und behandeln den großen Einschnitt, den der Tod der Kinder, der Zwillingsschwester, der Eltern oder Großeltern bedeutet. Sturz vom Balkon, Verkehrsunfälle, Suizid, Schlaganfälle, Krebs oder Demenz – der Verlust hat viele Gesichter und die Zeit heilt die Wunden nicht von selbst. Dass das Schreiben jedoch vielen Zurückgebliebenen eine große Hilfe war, hat Petra Schaberger erfahren: Und sie ist sich sicher, dass nun auch Leser Trost findet können.