Am Leben geblieben, aber zerstört

Geschichte von großer Tragik: Pit Metz liest im Kurmainzer Amtshof aus seinem Buch „Das korallrote Sofa“. Foto: Karl-Heinz Köppner

Pit Metz liest am Holocaust-Gedenktag in Heppenheim aus „Das korallrote Sofa“. Das Schicksal des Weinheimer Juden Salomon Marx weckt die Betroffenheit der Zuhörer.

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HEPPENHEIM. Es war eine eindrucksvolle Lesung, zu der der Verein Stolpersteine, die Initiative gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit sowie der Deutsche Gewerkschaftsbund am Holocaust-Gedenktag in den Amtshof eingeladen hatten. Autor Pit Metz las aus seinem Buch „Das korallrote Sofa“.

Der gebürtige Weinheimer, der heute in Marburg wohnt, verarbeitet in dem Roman auch die Geschichte seiner eigenen Familie, schreibt über das, was nach dem Zweiten Weltkrieg viel zu lange nicht thematisiert, ja geradezu verschwiegen wurde. Über die Schicksale der Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft, die oft viel zu spät aufgearbeitet wurden.

Im Buch schildert Metz die Geschichte des Weinheimers Salomon Marx, der zwar das Konzentrationslager Auschwitz wie durch ein Wunder überlebt, im Nachkriegsdeutschland aber schließlich untergeht.

Ein korallrotes Sofa lässt sich ein Offizier in Auschwitz von jüdischen Gefangenen bauen. Das Möbelstück übersteht die Zeit unbeschadet und landet im Besitz einer Familie. Die entdeckt dort eine Dokumentenrolle, die die Häftlinge beim Bau des Sofas dort versteckt haben und die Einblicke in das Grauen des KZ-Alltags gibt.

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Einer, der die Hölle von Auschwitz überlebt hat, ist Salomon Marx. Er gehörte zum Sonderkommando des Lagers: Er und seine Kameraden „verwerteten“ auf Befehl die Leichen aus den Gaskammern. Sie rissen Goldzähne heraus, schnitten den Frauen die Haare ab, durchsuchten die Toten nach Wertgegenständen. Schließlich verbrannten sie die Opfer in den Krematorien.

Als sich die Kapitulation der Nationalsozialisten abzeichnete, tötete die SS die Mitglieder des Sonderkommandos, um die Zeugen zu beseitigen. Salomon Marx überlebte diese Aktion ebenso wie den Todesmarsch, nachdem die Rote Armee das KZ befreit hatte.

Er siedelte nach Israel über, vermisste dort jedoch seine Heimat, trotz all der Gräueltaten, die er dort erlebt hatte. Schließlich kehrte er zurück nach Weinheim. Richtig angekommen ist er dort nie.

Die Besucher zeigten sich beeindruckt von der nahegehenden Schilderung des Lebens des Salomon Marx, der mit dem Erlebten und der nicht stattfindenden öffentlichen Aufarbeitung des Geschehenen nie zurechtkam. In Weinheim malte er Hakenkreuze an die Wände der Häuser, in denen er Nazis vermutete – und machte sich damit äußerst unbeliebt. Keiner wollte ihm zuhören, schließlich verfiel er dem Alkohol und verbrachte seine letzten Lebensjahre als Obdachloser. Er blieb zeitlebens ein Verfolgter, Unverstandener.

In der anschließenden Diskussion spürte man die Betroffenheit unter den Zuhörern. Die Wichtigkeit, Geschichte aufzuarbeiten wurde thematisiert, das Totschweigen des Geschehenen mit Unverständnis quittiert.

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Franz Beiwinkel ist in allen drei veranstaltenden Vereinigungen Mitglied. Er freute sich über den guten Zuspruch der Veranstaltung. In Heppenheim, meint der Kommunalpolitiker, laufe sehr viel, was die Aufarbeitung der Geschichte anbelange. Damit zeigt er sich zufrieden.

Jugendliche oder junge Erwachsene suchte man bei der Veranstaltung allerdings vergebens. Beiwinkel wies in diesem Zusammenhang aber auf die Kooperation mit dem Starkenburg-Gymnasium hin, das sich als „Schule ohne Rassismus“ bezeichnet. Diese Zusammenarbeit solle auch in Zukunft bestehen und dazu beitragen, dass auch die Schüler von heute sich mit der Geschichte von einst auseinandersetzen.