Abriss des AKW Biblis beginnt / Bürger besichtigen Baustelle...

Jede Menge Beton und Stahl werden im neuen Zwischenlager in Biblis verbaut. Foto: André Hirtz

An diesem Donnerstag, den 1. Juni, beginnt der Abriss des stillgelegten Atomkraftwerks in Biblis. Auf dem Gelände werden viele tausend Tonnen radioaktiven Mülls...

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BIBLIS. Besucherformular ausfüllen, Ausweiskontrolle, durch die Sicherheitsschleuse wie am Flughafen. Dann stehen sie auf dem Gelände des Atomkraftwerks. Rund 25 Frauen und Männer aus Biblis und Nachbargemeinden wollen sich eine Baustelle erklären lassen.

An diesem Donnerstag beginnt der Abriss des stillgelegten Kraftwerks. Für den hoch radioaktiven Müll, der dabei entsteht, gibt es bereits ein Zwischenlager, in den beiden Hallen stehen derzeit 78 Castoren. Gerade gebaut wird ein zweites Lager für schwach- und mittelradioaktiven Abfall, um das es bei der Besichtigung geht.

Keine Atomkraftgegner haben sich hier versammelt, sondern interessierte Bürger. Doch die Sorge um die Sicherheit ist zu spüren. Würde das neue Lager ein Erdbeben aushalten oder einen Flugzeugabsturz? Schließlich, sagt eine Frau, befinde man sich mitten im besonders kritischen Radius von 30 Kilometern: "Wenn etwas passiert, sind wir mittendrin."

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Es ist Ziel der Informationsinitiative "Biblis transparent", solche Bedenken zu zerstreuen. Kraftwerksleiter Horst Kemmeter sind die Besichtigungen wichtig, er nimmt sich die Zeit, sie zu begleiten. "Man muss mit eigenen Augen gesehen haben, wie massiv und stabil das Lager wird", sagt er. Bürger, die Fragen haben, "sollen uns ansprechen. Wir wollen Vertrauen schaffen".

Allein in der mannshohen Bodenplatte seien 1200 Tonnen Stahl und 5000 Kubikmeter Beton verbaut worden, erklärt Projektleiter Carsten Altenburg an der Baustelle. "Bisschen mehr als in einem Einfamilienhaus", kommentiert ein Bibliser trocken. Die Bodenplatte wird einiges aushalten müssen. Ein einziger der Gussbehälter, die dort stehen werden, wiegt zwölf Tonnen. 1278 Stück werden am Ende des Abrisses gefüllt sein, jeder kostet 70.000 Euro. Staunen in der Runde.

Insgesamt werden 6450 Tonnen schwach- und mittelradioaktiver Müll entstehen. Sie haben nicht alle Platz im Lager, das Ende 2018 fertig werden soll. Es sei ein Übergangslager, betont Kemmeter. Im Lauf der 2020er Jahre müssten Abfallbehälter von Biblis im Schacht Konrad im niedersächsischen Salzgitter untergebracht werden können, "damit der Rückbau nicht stockt". Der Kraftwerkschef ist unzufrieden mit der Situation: "Seit über zehn Jahren ist Schacht Konrad genehmigt, aber wir können immer noch nichts einlagern." Derzeit wird das Eisenerzbergwerk zu einem Endlager für schwach- und mittelradioaktiven Abfall umgebaut. Von den 303.000 Kubikmetern, die dort gelagert werden können, sind bis zu 20.000 für Müll aus Biblis vorgesehen.

Ärgerlich findet Kemmeter auch die Endlagersuche für hoch radioaktiven Abfall, die seit Jahrzehnten dauert, aber noch immer kein Ergebnis hat. Wenn ab dem Jahr 2019 die Zuständigkeit für die Endlagerung komplett an den Bund falle, beschleunige das vielleicht die Suche nach einem geeigneten Standort, bemerkt er mit Sarkasmus. Die Endlagerung beschäftigt auch einen Teilnehmer der Besichtigung. "Was mich ärgert", sagt er: "In Gorleben wollen sie den Abfall nicht in 1000 Metern Tiefe haben, aber wir haben die Castoren hier vor der Haustür stehen."

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Abseits der Politik geht es auch um ganz praktische Fragen wie: Was genau ist eigentlich schwach- und mittelradioaktiver Abfall? Alles, was nicht dekontaminiert und in den Wertstoffkreislauf zurückgeführt werden kann, anwortet Kemmeter. Konkret: "Zum Beispiel Handschuhe, Putzlappen, Overalls, Filterharze, Matten." Und was kostet das neue Zwischenlager? Eine Summe im zweistelligen Millionenbereich.

Am Ende zeigt sich, dass Kemmeters Rechnung aufgeht: "Beeindruckend", finden viele. "Jetzt kann ich mir vorstellen, wie das hier aussieht. Viel besser, als wenn ich nur Fotos gesehen hätte", sagt eine Teilnehmerin. "Wenn jetzt die Rede darauf kommt, kann ich sagen: Ich war dort."