Wochenbett-Ambulanz soll Hebammen-Mangel lindern

Waage, Liege, Verbrauchsmaterial und Mülleimer: Es ist nicht viel, das die neue Wochenbett-Ambulanz im Stadthaus Frankfurter Straße braucht, um die Not von Müttern, die keine Nachsorge-Hebamme gefunden haben, zu lindern. Foto: Andreas Kelm
© Andreas Kelm

Im Stadthaus Frankfurter Straße nimmt ein neues Angebot zum 1. Juli seine Arbeit auf. Unterstützung kommt von der Stadt, den Kliniken und den vier Darmstädter Frauen-Serviceclubs.

Anzeige

DARMSTADT. Man weiß nicht, wie viele Hebammen es in Darmstadt geben müsste. Die Geburtshelferinnen sind, wenn überhaupt, in einem Landesverband organisiert, aber es gibt keine Kammer wie für Handwerk, Ärzte oder Apotheker, die zuverlässig einen Bedarf erheben könnte.

Man weiß aber eines sicher: Es gibt zu wenige. Honorar und Haftpflichtfragen haben einem uralten Berufsstand eine dramatische Schrumpfkur verpasst. 2006 gab es noch doppelt so viele Hebammen in Darmstadt und im Kreis, sagte Desirée Könyves-Toth am Montag. Der Mangel sei keineswegs mehr auf den ländlichen Raum beschränkt, sondern habe längst auch die Stadt erreicht, insbesondere weil sie Zuzugsgebiet ist, stellte Klinikdezernent André Schellenberg fest.

Neun Hebammen werden ab dem 1. Juli abwechselnd in der Wochenbett-Ambulanz im ersten Stock des Stadthauses in der Frankfurter Straße 71 zu finden sein. Das Angebot richtet sich zunächst an frisch Entbundene, die mit ihrem Baby bereits zu Hause sind und keine Hebamme für die Nachsorge finden konnten. Es ist kein aufsuchendes Angebot, Termine werden übers Internet vergeben – und zwar zeitnah, versprach Desirée Könyves-Toth, mit Iris Rapolder gemeinsam Initiatorin des Projekts.

Anzeige

Die Ambulanz sei schon der zweite Schritt, dem Hebammenmangel zu begegnen, sagte Klinikdezernent Schellenberg. Der erste war die Einführung der Hebammen-Ausbildung am Klinikum gemeinsam mit der Klinik in Frankfurt-Höchst. Acht Auszubildende waren es im vergangenen Jahr, acht weitere kommen in diesem Jahr dazu. Er wisse, aufsuchende Nachsorge sei besser. Aber dieses Angebot ist besser als keins.

Auch Sozialdezernentin Barbara Akdeniz hält „Wochenbett-Ambulanz“ für einen „gewöhnungsbedürftigen Begriff“. Sie öffne die bisherigen Strukturen, „ist aber kein Ersatz für den Mangel“, betonte sie. Das Problem sei ein politisch-strukturelles. Kommunen hätten keine Möglichkeit, es zu beheben, sondern nur die Möglichkeit, zu unterstützen.

Das also hat die Stadt getan mit der Herrichtung von Räumlichkeiten mit einem Waschbecken und blickdichten Fenstern in unmittelbarer räumlicher Nähe zum Familienzentrum mit seinen vielen Angeboten rund um werdende Eltern, Familie und Geburt. Die Kliniken in Darmstadt und im Landkreis haben Ausrüstung beschafft – Liege, Waage, PC, Seifen- und Handtuchspender. Die vier Darmstädter Frauen-Serviceclubs Lions Louise Büchner, Inner Wheel, Zonta und Soroptimist überreichten einen Karton mit Verbandsmaterial und Desinfektionsmitteln sowie einen ersten Scheck über 2000 Euro, mit dem im ersten Jahr ein Teil der Betriebskosten aufgefangen werden soll. Denn, ein Problem: „Wir bekommen hier keine Materialpauschale“, sagte Hebamme Desirée Könyves-Toth. Die darf nur bei Hausbesuchen abgerechnet werden.

Noch diese Woche soll die Terminvergabe per Online-Portal freigeschaltet sein. Dann können die ersten Jungmütter kommen. Die Hebammen kündigen als nächstes die Gründung eines Vereins an. Die Unterstützung durch die Serviceclubs soll in den kommenden Jahren weitergehen.