"Wir sind auf dem richtigen Weg" - Darmstadts Bau- und...

Bei der Entlastung Darmstadts vom Autoverkehr setzt Barbara Boczek aufs Rad und einen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs.  Fotos: Torsten Boor

Seit etwas mehr als einem Jahr ist Barbara Boczek (Grüne) als Bau- und Verkehrsdezernentin in Darmstadt im Amt. Im Gespräch mit dem ECHO verteidigt sie die Verkehrspolitik der...

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DARMSTADT. Barbara Boczek (Grüne) ist seit März 2017 Bau- und Verkehrsdezernentin in Darmstadt. Im Gespräch mit dem ECHO verteidigt sie die Verkehrspolitik der grün-schwarzen Koalition, den Autoverkehr zurückzudrängen und Rad- und Nahverkehr zu stärken. Als Angebot für Pendler aus dem Landkreis Darmstadt-Dieburg soll möglicherweise eine neue Straßenbahntrasse zunächst bis an den Ostrand der Stadt gebaut werden. Mit einer Umgehungsstraße lasse sich das Pendlerproblem nicht lösen, sagt die Dezernentin.

Frau Dr. Boczek, welche Strecken fahren Sie in Darmstadt gern mit dem Rad?

Ich bin hauptsächlich mit dem Fahrrad unterwegs, da ich schon lange kein Auto mehr besitze. Also fahre ich überall dorthin, wo ich hin muss oder will.

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Gibt es Straßen, die Sie meiden, weil Sie sich dort wegen des Verkehrs nicht sicher fühlen?

Ich vermeide es nur, nachts durch den Herrngarten zu fahren.

Als wir bei Ihrem Amtsantritt vor gut einem Jahr miteinander sprachen, sagten sie: Wir arbeiten an der Schaffung von Hauptradrouten. Diese Routen sind im Alltag bisher großteils nur zu erahnen.

Wir sind in der Tat noch nicht am Ende angelangt. Aber es ist dennoch schon einiges zu sehen, etwa der neue Radstreifen in der Heidelberger Straße oder auch der Radweg von Arheilgen an Merck vorbei.

Schlechter als auf der Nord-Süd-Achse sieht es auf der Ost-West-Achse aus: Was raten sie einem Radler, der zügig und sicher von der TU-Lichtwiese zum Hauptbahnhof fahren will?

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Nun, wir haben etwa die Heinrich-Fuhr-Straße zur Fahrradstraße gemacht. Von dort kann man weiter durch die Rudolf-Mueller-Anlage in die Innenstadt radeln. Eine durchgängige Route bis zum Bahnhof müssen wir noch schaffen. Wie gesagt, wir sind noch nicht am Ende, es geht langsam voran, manchen zu langsam.

Ihnen auch?

Naja. Man muss auch sehen, welche Kapazitäten wir personell haben, da gibt es Bedarf, das noch auszubauen. Ich habe das Sachgebiet Radverkehr im Dezernat geschaffen und einen Radverkehrsbeauftragten eingestellt. Zur Umsetzung des neuen Sonderprogramms zur Radverkehrsförderung werden wir jetzt außerdem noch vier neue Verkehrsplaner anstellen.

Sie wollen also stärker in die Pedale treten, um im Bild zu bleiben. Sollten Sie die Bürger nicht besser über Ihre Pläne informieren?

Wenn man neu ein Amt übernimmt, springt man quasi auf einen fahrenden Zug, die Prozesse und Projekte laufen. Es braucht eine Weile, eigene Akzente zu setzen. Mir ist es wichtig, jetzt eine Radstrategie zu erarbeiten - mit den Bürgern und den Verbänden gemeinsam und intensiver als bisher, und dann auch die Kommunikation zu verstärken.

Das Zurückdrängen des Autoverkehrs und die Stärkung des Rad- und Nahverkehrs zählt zum verkehrspolitischen Credo der grün-schwarzen Koalition. Aber ist es nicht Wunschdenken, dass sich damit der wachsende Strom von Auto-Pendlern, der sich täglich vor und in der Stadt staut, bewältigen lässt?

Wir sind durch die vielen Pendler, vor allem aus dem östlichen Landkreis Darmstadt-Dieburg, und die wachsenden Einwohnerzahlen dazu gezwungen, die Weichen im Verkehr anders zu stellen. Das gelingt nur, wenn wir mehr Verkehr auf das Rad sowie Busse und Bahnen verlagern können. Innerörtlich heißt das, den Radverkehr für die Darmstädter zu fördern, und den Pendlern mehr Angebote zu machen, dass sie möglichst auf Straßenbahnen und Busse umsteigen - und eben auch auf das Rad.

Aber der Bau einer Straßenbahn etwa bis Groß-Zimmern wird wegen der angeblich zu geringen Nutzerzahlen nicht gefördert.

Derzeit nicht. Wegen einer Veränderung der Förderbedingungen sind wir im Gespräch mit dem Land und dem Städtetag. Zunächst wollen wir eine neue Straßenbahnstrecke soweit bauen, wie sie gefördert wird, also über den Ostbahnhof hinaus ein Stück an der Bundesstraße 26 entlang, bis zu einer Mobilitätsstation, die am Stadtrand errichtet werden soll.

Das vielzitierte Parkhaus am Ostrand der Stadt, an dem die Pendler aufs Rad oder den ÖPNV umsteigen sollen. Wie weit sind die Pläne dafür und für die Straßenbahntrasse gediehen?

Das ist die Vorstellung, für die die Stadt eine Machbarkeitsstudie entwickelt hat. Parallel prüft die Nahverkehrsorganisation Dadina eine mögliche Reaktivierung der alten Bahnstrecke und eine Stärkung der vorhandenen Bahnlinien. Am Ende werden wir die sinnvollste und am besten finanzierbare Lösung verwirklichen, mit der Option, die Linie später in den Ostkreis zu verlängern.

Ist es realistisch, dass eine nennenswerte Zahl von Pendlern ihren Wagen im Parkhaus stehen lässt und aufs Rad oder in die Bahn steigt? Oder muss es dazu Alternativen geben, etwa doch eine Umgehungsstraße?

Für das hohe Verkehrsaufkommen in der Stadt sorgen vor allem die Ein- und Auspendler sowie der innerstädtische Verkehr, und seit dem Lastwagen-Durchfahrtsverbot eben nicht mehr der Durchgangsverkehr. Eine Umgehungsstraße, die sehr teuer würde, würde daher das Einpendler-Problem nicht lösen. Im Übrigen hat die Stadt gerade für ihr Verkehrskonzept in der Lincolnsiedlung den Deutschen Verkehrsplanungspreis erhalten. Die Experten sagen, was wir als Stadt da machen, ist vorbildlich. Wir sind mit dem Ziel, den Verkehr vom Auto auf andere Verkehrsträger zu verlagern, auf dem richtigen Weg.

Lässt sich denn das Verkehrskonzept für ein neu entstehendes Wohngebiet auf die ganze Stadt übertragen, und was nutzt es den Pendlern?

Wir wollen dieses Konzept in weiteren neuen Quartieren, etwa Cambrai-Fritsch und Jefferson, verwirklichen. Und auch in den bestehenden Vierteln wollen wir den Verkehr verlagern, etwa durch ein besseres ÖPNV-Angebot, mehr Radwege und Car-Sharing-Stellplätze sowie die Parkraumbewirtschaftung.

Trotz erster Erfolge warten viele marode Straßen noch immer auf die Sanierung. Dabei kommt es häufig zu Verzögerungen, etwa bei der Grafenstraße oder der Nieder-Ramstädter-Straße. Woran liegt das?

Bei der Nieder-Ramstädter-Straße und dem geplanten Umbau der Frankfurter Straße gab es ein großes Bedürfnis von Bürgern und Verbänden, ihre Änderungswünsche einzubringen. Darauf sind wir eingegangen, aber das kostet Zeit und die Umplanungen Geld. Gleichzeitig steigen in dieser Zeit die Baukosten.

Wann geht es denn jetzt in der Nieder-Ramstädter-Straße los?

Mitte nächsten Jahres, ein halbes Jahr später als geplant durch die Aufnahme der Wünsche von Anwohnern.

Ein weiteres großes Thema ist der Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Die Koalition setzt dabei vor allem auf die Bebauung der Konversionsflächen. In der Lincolnsiedlung wird bereits feste gebaut, wann ist es in der Cambrai-Fritsch-Kaserne und der Jefferson-Siedlung soweit? Wieweit sind die Verkaufsverhandlungen mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben?

Ziel ist es, den Vertrag mit der Bima bis Ende des Jahres abzuschließen. Wir sind bei den Verhandlungen auf einem guten Weg.

Wie viele Menschen werden dort künftig leben?

Wir wollen 1400 Wohnungen bauen für etwa 3000 Menschen.

Wo sehen Sie weiteres Potenzial zum Bauen?

Nun, 1500 Wohnungen werden allein auf ehemaligen Gewerbeflächen und um das Verlegerviertel errichtet werden. Dazu kommt die Bebauung des Marienplatzes.

Auf einer Veranstaltung zum Masterplan 2030+ hat kürzlich eine Arbeitsgruppe vorgeschlagen, ein ganz neues Baugebiet im Wald südlich der Lincolnsiedlung zu schaffen. Wird das mittelfristig notwendig sein?

Ich finde es richtig, das anzudenken und darüber zu diskutieren. Natürlich müssen wir klären, was passieren soll, wenn wir mit der sogenannten Innenverdichtung des städtischen Raums an die Grenzen kommen.

Wenn Sie Ihr erstes Amtsjahr Revue passieren lassen, was ist Ihnen in dieser Zeit gut gelungen?

Wichtig war für mich, den Masterplan trotz der schwierigen Finanzlage 2017 zu starten. Bei dieser Debatte werden viele aktuelle und künftige Themen mit Bürgern und Experten diskutiert. Das stärkt die Stadtgemeinschaft. Das Mobilitätskonzept in der Lincolnsiedlung und die Verhandlungen über die Konversionsflächen haben wir schon angesprochen. Dazu kommen die städtebaulichen Projekte Pallaswiesen-/Mornewegviertel und Woogs-/Kapellplatz und Ostbahnhof. Wir sanieren zwei Brücken, beginnen den Bau der Rad- und Fußgängerbrücke über die Rheinstraße in diesem Jahr und verbessern konsequent die Infrastruktur durch Straßen- und Kanalsanierungen.

Was ist weniger gut gelungen?

In der Initiative zum Radentscheid drückt sich die Unzufriedenheit vieler Radfahrenden aus. Das kann ich verstehen, denn auch ich möchte, dass wir noch mehr für die Entwicklung der Radinfrastruktur und für das Sicherheitbedürfnis der Radfahrenden tun. Mit dem Magistratsbeschluss wollen wir das jetzt gemeinsam mit den Mitgliedern der Initiative Radentscheid sowie den Vertretern weiterer Initiativen und Verbände anpacken. Und schauen, was sich wie wann realistisch umsetzen lässt.

Von Joachim Nieswandt