Vor 75 Jahren begann die Deportation der Sinti nach Auschwitz...

Zum Andenken an die verfolgten Sinti und Roma wurde in Darmstadt eine Gedenktafel vor dem Justus-Liebig-Haus errichtet. Foto: Guido Schiek

Die meisten Darmstädter schauten bei der Vertreibung von Sinti und Roma ähnlich wie bei der Deportation der Juden weg. Dabei hätten sie Bescheid gewusst. Diese Anerkennung...

Anzeige

DARMSTADT. "Es war viel Polizei da an diesem Tag, mit Hunden. Wir sind auf die Autos verladen worden, von der Brandgasse aus wurden wir zum Bahnhof gefahren. Manche von uns, meine Schwägerin zum Beispiel, arbeitete bei der Reichsbahn, und sie wurde direkt von der Arbeit weg zum Transport gebracht. Es waren viele Darmstädter, und unterwegs wurden immer wieder neue Sinti in den Zug geladen."

So schildert Alwine Keck in ihren Erinnerungen den Beginn der vom Nazi-Regime angeordneten Deportation der Darmstädter Sinti ins Vernichtungslager Auschwitz am 15. März vor 75 Jahren. Ein Jahr zuvor, am 25. März 1942, waren die ersten Juden aus Südhessen am Darmstädter Güterbahnhof zusammengetrieben und in Güterwaggons in die Todeslager im Osten deportiert worden.

Als eine der letzten Darmstädter Sinti wurde am 10. Mai 1943 die Familie Wick nach Auschwitz verschleppt. Einer der Söhne, Martin Wick, überlebte das Grauen und erinnerte sich später: "Das Datum kann ich nie vergessen. Da kamen die Herren in Zivil, morgens kurz vor sieben Uhr, es hieß: 'Alles raus, ihr müsst eure Sachen packen, ihr werdet ausgesiedelt. Ihr kommt nach Polen, dort bekommt ihr ein Haus und müsst in der Landwirtschaft arbeiten.'"

Anzeige

Die meisten Nachbarn und anderen Darmstädter schauten bei der Vertreibung ähnlich wie bei der Deportation der Juden weg. Dabei hätten die Nachbarn gewusst, "dass Juden und Sinti ins Elend, in den Tod gebracht wurden", sagte dazu der frühere Darmstädter Oberbürgermeister Peter Benz (SPD) bei einer Gedenkfeier 1995. "Auch in Darmstadt schnitten wir also jenes humanistische Erbe ab, auf das man sich immer berufen hat."

Die meisten der 69 von den Nationalsozialisten seit dem 15. März 1943 wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit verschleppten Darmstädter Sinti - Frauen, Männer und Kinder - kamen in den Gaskammern von Auschwitz um. Auch die Geschwister, der Vater und weitere Verwandte Alwine Kecks wurden ermordet, sie zählte ähnlich wie Martin Wick zu den wenigen Überlebenden. Trotz aller erlittenen Qualen und ihrer Unterdrückung als Angehörige einer seit Jahrhunderten stigmatisierten Minderheit kehrten viele Überlebende nach Kriegsende in ihre Heimatorte zurück, so auch Alwine Keck nach Darmstadt.

Wie viele Sinti vor der Machtergreifung der Nazis in Darmstadt lebten, lässt sich heute anhand überlieferter Dokumente nicht mehr feststellen. Fest steht nach den Recherchen des Autors Herbert Heuß in seinem Buch "Darmstadt. Auschwitz. Die Verfolgung der Sinti in Darmstadt", dass die meisten Darmstädter Sinti Arbeiter waren und dass sie überwiegend in der später weitgehend zerstörten Altstadt wohnten.

Dort, in der Großen Bachgasse am Justus-Liebig-Haus, erinnert seit 1997 ein Mahnmal an die Ermordung hunderttausender Sinti und Roma in Europa. In Deutschland fielen zwei Drittel der Minderheit - rund 17.000 Menschen - dem Nazi-Terror zum Opfer, in Hessen waren es rund 800 Ermordete.

Anzeige

Zur Erinnerung an die Deportation der Darmstädter Sinti und Juden wird es am Donnerstag, 15. März 2018, um 17 Uhr eine Gedenkstunde am Denkzeichen Güterbahnhof (Kirschenallee/Ecke Bismarkstraße) geben.

Wie viele Sinti und Roma heute in Darmstadt leben, ist nicht bekannt. In Hessen gehören nach Schätzungen des Landesverbands Deutscher Sinti und Roma rund 8000 Bürger der Minderheit an, die seit 1998 in Deutschland ähnlich wie Sorben oder Dänen als nationale Minderheit anerkannt ist. Seit 2017 gibt es auch einen entsprechenden Staatsvertrag mit dem Land Hessen.

Diese Anerkennung hat freilich die Diskriminierung nicht beendet. "Die Klischeebilder über unsere Minderheit sind bis heute lebendig", sagte der Vorsitzende des hessischen Landesverbands der Sinti und Roma, Adam Strauß, dem ECHO. Strauß, der Großvater, Großmutter und weitere Angehörige in Auschwitz verloren hat, klagte, es sei schlimm, "dass wir auch sechs Generationen nach der Nazi-Herrschaft immer noch Nachteile haben, wenn wir sagen, dass wir Sinti sind", sei es bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, in der Schule oder bei anderen Gelegenheiten. "Wenn meine Enkelin sagt, dass sie nicht von mir von der Schule abgeholt werden will, um nicht als Sinti erkannt zu werden, dann tut das weh", sagte Strauß.

Auf die Frage, ob sich in den vergangenen Jahren überhaupt nichts geändert habe im gesellschaftlichen Umgang mit der Minderheit, sagte Strauß: "Doch, wir haben jetzt zum Beispiel einen Landesverband mit einem Büro, und wir erhalten Unterstützung von Politikern, die wir zuvor nicht hatten." Gleichzeitig trage die Bürgerrechtsarbeit des Verbands Früchte.

Zum Abbau von Vorurteilen setzt Strauß auf Aufklärung. So hat der Verband eine mobile Ausstellung zum Schicksal der Sinti und Roma erarbeitet, die unter anderem in Schulen gezeigt wird. Dazu kommen Bücher und weitere Unterrichtsmaterialien. Ein großer Wunsch des Verbandsvorsitzenden ist es, in Darmstadt Räume zu finden, in denen eine solche Ausstellung dauerhaft gezeigt werden kann. Dafür habe Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) seine Unterstützung zugesagt, betonte Strauß. Die Sinti wünschten sich, "endlich als gleichberechtigte Menschen in Deutschland gesehen zu werden".

Von Joachim Nieswandt