Urteil im Prozess zum Giftanschlag an der TU Darmstadt

Das Landgericht Darmstadt hat im Giftanschlagprozess ein Urteil gesprochen.

Im Prozess um den Giftanschlag an der TU hat das Landgericht Darmstadt ein Urteil gefällt. Bewährung und ambulante Therapie wurden dabei vorerst abgelehnt.

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Darmstadt. Die seit einem Monat wegen versuchten Mordes vor Gericht stehende ehemalige Studentin der Materialwissenschaften an der Technischen Universität Darmstadt muss in eine Fachklinik für Psychiatrie. Das Darmstädter Landgericht hat in seinem Urteil am Dienstag beschlossen, dass die Mainzerin für ihre Therapie bis auf weiteres in einer geschlossenen Einrichtung untergebracht wird.

Die des versuchten Mordes Beschuldigte hatte am achten und vorletzten Verhandlungstag vor einer Woche ein Geständnis abgelegt. Sie gab zu, dass sie der Nacht auf den 23. August 2021, ein Montag, auf dem Campus Lichtwiese der TU Darmstadt im Gebäude L2-01 war und dort in Kaffeeküchen, einem Aufenthaltsraum und einem Gemeinschaftsbüro ein Gemisch aus Laborchemikalen in Milch, Honig und Wassertanks für Tee und Kaffee gegeben hat.

Therapie zwischen zwei und 15 Jahren

Sieben Angehörige des Fachbereichs, die sich an diesem Montagvormittag Tee und Kaffee gekocht hatten, schluckten die kontaminierten Getränke. Den bitteren Geschmack und Lösungsmittelgeruch bemerkten sie mehr oder weniger erst spät. Ein damals 30-Jähriger schwebte kurzzeitig in Lebensgefahr. Ursache war die verwendete Chemikalie Brom-Anilin. Sie stört den Sauerstofftransport im Blut massiv, was in der Klinik diagnostiziert und medikamentös behandelt werden konnte.

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Die Beschuldigte hatte über ihren Anwalt erklären lassen, dass sie niemanden habe töten wollen. Sie habe den Menschen im Fachbereich, von denen sie sich verfolgt gefühlt habe, „eine Lektion erteilen“ wollen. Ärzte hatten bei der 33-Jährigen eine paranoide Schizophrenie und Schuldunfähigkeit zum Tatzeitpunkt festgestellt. Der für die Verhandlung bestellte psychiatrische Gutachter sagte, dass eine Therapie zwischen zwei und 15 Jahren in Anspruch nehmen könne.

Die in Polen geborene Deutsche fühlte sich wegen ihrer Psychose von Nachbarn, Arbeitskollegen und Angehörigen ihres Fachbereichs verfolgt, ausspioniert und drangsaliert. Sie besaß eine Wollmütze mit eingenähten Kupfer- und Aluminumfolien, offenbar, um sich abzuschirmen, und versuchte, ihre psychotisch bedingten Wahrnehmungen aufzuzeichnen, wie sich im Laufe des Verfahrens herausgestellt hatte.

Verteidigung hatte Bewährungsstrafe und ambulante Behandlung gefordert

„Ein relativ spektakuläres Verfahren über die Grenzen Darmstadts hinaus“, sagte der Vorsitzende Richter Volker Wagner in der Urteilsbegründung über den Prozess und die umfangreichen Ermittlungen zuvor. Und nun ende das Verfahren „lapidar“ mit einer Unterbringung, so der Richter. „Täter, die relativ gefährlich sind, darf man nicht in die Freiheit entlassen“, erklärte er. Zudem gehe es bei der Unterbringung neben der Sicherung auch um die Besserung, also eine Therapie.

Ab 2019/2020 sei die Psychose intensiver geworden, schilderte der Richter, die Beschuldigte habe Wahrnehmungen gehabt, die ihr real erschienen. Bilder von Folterungen oder abgerissenen Armen, die Vorstellung, elektrische Ströme zu sehen, habe die Frau in Texten beschrieben, zählte der Richter auf. Zudem fühlte sie sich von Prüfern oder Betreuern an der TU unter Druck gesetzt, erinnerte der Vorsitzende an Physikexperimente, bei denen die Betreuer die schlechte Vorbereitung der Studentin kritisiert hatten.

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Mit dem Urteil folgte das Gericht im Ergebnis der Staatsanwaltschaft und Verteidiger Christian Kunath. Sie hatten auf Unterbringung in einer geschlossenen Einrichtung plädiert. Der von der Angeklagten einbezogene Rechtsanwalt Björn Seelbach hatte eine Bewährungsstrafe und eine ambulante Behandlung gefordert. Er hatte die Tat, anders als die Staatsanwaltschaft, nicht als versuchten Mord, sondern als gefährliche Körperverletzung bewertet. „Die Stoffe waren nicht mit Totenköpfen gekennzeichnet“, so seine Begründung. „Die Beschuldigte hat im Zustand enormer Verzweiflung gehandelt und sich Entlastung verschaffen wollen.“

Die Beschuldigte hat im Zustand enormer Verzweiflung gehandelt und sich Entlastung verschaffen wollen.

BS
Björn Seelbach Rechtsanwalt

Ein relativ spektakuläres Verfahren über die Grenzen Darmstadts hinaus.

VW
Volker Wagner Vorsitzender Richter

Ob die Kammer von versuchtem Mord oder gefährlicher Körperverletzung ausging, sagte Volker Wagner nicht. Er sprach von einer „gemeingefährlichen“ Tat, weil die Beschuldigte ihren Chemikalienmix nicht kontrollieren konnte. Lob gab es vom Vorsitzenden für den Ankläger. „Herr Martinsohn ist ein junger Staatsanwalt, der hier sein Glanzstück abgeliefert hat“, sagte er mit Blick auf die intensiven Ermittlungen und darauf, dass der Staatsanwalt Urlaub genommen habe, um die Anklage auszuarbeiten.

Der Richter sieht die Verurteilte auf einem guten Weg. „Sie konnte sich dazu durchringen, ein Geständnis abzulegen, das ist der Beginn der Besserung“, sagte er.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Rechtsanwalt Björn Seelbach kündigte an, sich mit der Mandantin zu besprechen.