Synthetischer Kraftstoff OME als Retter des Dieselmotors?

Christian Beidl im Labor neben einem Forschungsfahrzeug, das mit dem synthetischen Kraftstoff OME betrieben wird. Foto: Katrin Binner

Christian Beidl, Leiter des Instituts für Verbrennungskraftmaschinen und Fahrzeugantriebe der TU Darmstadt, glaubt, dass der Dieselmotor in Zukunft vor allem im Fernverkehr...

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DARMSTADT. Hat der Dieselmotor Zukunft? Christian Beidl, Leiter des Instituts für Verbrennungskraftmaschinen und Fahrzeugantriebe (VKM) der TU Darmstadt glaubt daran. Nach seiner Meinung wird der Dieselmotor vor allem im Fernverkehr weiterhin eine entscheidende Rolle spielen - angetrieben von synthetischen Kraftstoffen, die im Vergleich zu fossilen Energieträgern auch sauberer verbrennen.

Herr Professor Beidl, Sie nehmen aktuell den synthetische Kraftstoff OME - die Abkürzung steht für Oxylmethylenether - unter die Lupe. Wie kam es dazu?

Christian Beidl: OME hat sehr vorteilhafte Anwendungseigenschaften, bei der Auswahl von OME haben wir uns auf viele Vorarbeiten stützen können. Die Kenndaten sind dieselähnlich, der Kraftstoff ist gut umweltverträglich, Lagerung und Verteilung sind unproblematisch. Der Hauptvorteil liegt aber sicher in der Kohlendioxid-Neutralität bei der Herstellung mit regenerativ erzeugtem Strom. Der Vorteil durch die bei Reinkraftstoff gegebene praktisch rußfreie Verbrennung ist demgegenüber nur relativ zu sehen.

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Den synthetischen Kraftstoff OME kann man verbrennen, ohne dass Rußpartikel dabei entstehen - wie funktioniert das?

Die rußfreie Verbrennung von OME ist auf dessen Molekülstruktur zurückzuführen. Im Kraftstoffmolekül ist ein relativ großer Anteil an Sauerstoff (etwa 42 bis 50 Prozent) gebunden. Zusätzlich dazu sind im Molekül keine direkten Kohlenstoff-Kohlenstoff-Verbindungen zu finden. Diese beiden Eigenschaften führen dazu, dass OME ohne Rußemissionen verbrennen kann.

Das klingt nach einer grünen Lösung, die das derzeit eher miese Diesel-Image gewaltig aufpolieren könnte?

Seit der flächendeckenden Einführung des Partikelfilters vor etwa zehn Jahren zählen Dieselfahrzeuge, was Feinstaub angeht, zu den saubersten Verkehrsmitteln überhaupt. Bezüglich Stickoxiden sind die Technologien der neuen strengen Gesetzgebung angepasst und in Zukunft ebenfalls nicht mehr immissionsrelevant. Das 'miese Image' ist also grundsätzlich nur rückblickend zu sehen. OME als Kraftstoff kann aber helfen, die Komplexität der Abgasnachbehandlung zu reduzieren und stellt für bestimmte Anwendungsfelder wie etwa Industriemotoren auch eine interessante Brückentechnologie dar.

Wie realistisch ist die Einführung von OME auf dem Markt?

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Das hängt sehr stark davon ab, wie schnell und wie überzeugend die politischen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die für die Errichtung von entsprechenden Produktionsanlagen erforderlich sind. Das scheint realistisch, ist jedoch als langfristiger Vorgang einzuschätzen. Einzelne Pilotanwendungen sind jedoch durchaus kurzfristig zu erwarten.

Können die heutigen Dieselmotoren mit OME betrieben werden, oder müssten sie dazu umgebaut oder nachgerüstet werden?

Der Grundmotor und seine bekannt guten Nutzungseigenschaften bleiben unverändert. Eine gewisse Adaption der Dieselmotoren ist jedoch notwendig. Für eine Anwendung in der Großserie ist noch erheb-licher Entwicklungsaufwand erforderlich. Welchen Aufwand eine Beimischung erfordern würde, wird gerade in aktuellen Forschungsvorhaben untersucht.

OME ermöglicht eine rußfreie Verbrennung, senkt aber auch die Energiedichte? Bringt man damit weniger PS auf die Straße?

Die Energiedichte von OME ist aufgrund des im Kraftstoff gebundenen Sauerstoffs deutlich geringer, dementsprechend muss eine Erhöhung der Einspritzmenge erfolgen. Mit dieser technischen Änderung kann dann aber die gleiche Leistung erreicht werden.

Welche Vorteile hat OME im Unterschied zu konventionellem Biodiesel aus Rapsöl?

OME ist eine Art flüssiger Strom. Dementsprechend sind zur Herstellung im Gegensatz zu Biodiesel aus Rapsöl keine Anbauflächen notwendig. Zudem bringt die reine, sauerstoffhaltige Molekülstruktur den Vorteil der rußfreien Verbrennung mit sich. Im Sinne der weiteren Reduktion fossiler Energieträger ist es jedoch sicher sinnvoll, OME als Ergänzung zu Biodiesel zu sehen, und nicht als Ersatz.

Was fahren Sie privat - einen Diesel oder einen Benziner?

Diesel.

Das Interview führte Sabine Schiner