Skulpturen aus fossilen Hölzern werden in Eberstadt gezeigt

Gaststätte, Tanzschule, Schreinerwerkstatt: Das aus dem Jahr 1880 stammende Haus in der Heinrich-Delp-Straße 1 diente schon vielen unterschiedlichen Zwecken. Jetzt soll es...

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DARMSTADT. Gaststätte, Tanzschule, Schreinerwerkstatt: Das aus dem Jahr 1880 stammende Haus in der Heinrich-Delp-Straße 1 diente schon vielen unterschiedlichen Zwecken. Jetzt soll es eine temporäre Galerie werden.

Vor wenigen Tagen zog neues Leben in die Räume mit dem rustikalen Holzfußboden und den weißen Wänden ein. Dort zeigt und verkauft der aus Dresden stammende Künstler und Holzbildhauer Siegfried Modra (76) ab Sonntag, 23. April, für ein Jahr seine einzigartigen Skulpturen und Kleinplastiken. Sie bestehen aus Hölzern, die zum Teil Millionen von Jahren alt sind. „Das gibt es weltweit nicht nochmal“, sagt Modra über seine Ausstellung „Schätze der Vergangenheit“.

Wald und Holz seien in seinen Genen verankert, erklärt er. Schon als Kind war er von den verhärteten, dunklen Mooreichen fasziniert, die in 20 bis 40 Meter Tiefe beim Torfabbau geborgen wurden. An der TU Dresden promovierte der ausgebildete Werkzeugmacher in Maschinenbau. Später lernte er, extrem alte Hölzer zu bearbeiten und entwickelte sogar eine spezielle Konservierungsmethode.

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„Ich schleife und poliere nicht und verwende keine Farben“, versichert der Künstler inmitten seiner 100 behutsam bearbeiteten Skulpturen, von denen einige bis zu drei Meter hoch sind. Ihre dunklen Oberflächen sind mit Wachs überzogen und haben einen leichten Glanz. Die trotz ihres Gewichts grazil aufragenden Objekte stehen auf geschmiedeten, vom Künstler selbst entworfenen Sockeln.

Darstellung von gesellschaftlichen Themen

Modra verwendet für seine thematischen Arbeiten Mooreichen, Holz aus freigegebenen archäologischen Beständen und unversteinerte fossile Holzfunde. Dabei geht es dem Einzelkämpfer am Rande der Kunstszene immer um die Darstellung verdrängter Alltäglichkeiten – etwa Alter und Schlaganfall – oder um gesellschaftliche Anliegen.

„Das Stück bestimmt, was es werden will“, sagt der Holzgestalter. Harte Eingriffe vermeidet er. Bei „Lebenslinien“ etwa erreicht keine der von unten aufsteigenden Linien die Spitze. Manche enden, andere beginnen neu – das sind für Modra die Brüche im Leben. Er bringt die „drei Lebensphasen“ Geburt, Erblühen, Alter in einem Stück zusammen. Oder interpretiert „Fürsorge“ als keineswegs spannungsfreies Verhältnis zwischen der großen sorgenden Person und dem zu einem Kind geschrumpften Versorgten. Beide blicken in entgegengesetzte Richtungen. Können sie überhaupt noch miteinander reden? Immerhin hat Modra dem Sorgenden eine Art Krone für seine Leistung aufgesetzt.

Teile eines schwedischen Segelschiffs aus dem Dreißigjährigen Krieg inspirierten ihn zu 62 Arbeiten, – von denen sieben in Eberstadt zu sehen sind – und zu dem Zyklus „Sehnsucht nach Frieden“. Zu jeder Skulptur hat er eine Legende geschrieben, das soll die Auseinandersetzung mit dem Thema fördern.

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Eine Besonderheit der Ausstellung sind die hölzernen Wasserrohre aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Modra hat sie nach einer Überschwemmung vom Schlamm befreit, getrocknet und konserviert. Sie wären ideale Ausstellungsobjekte für öffentliche Innenräume oder Firmenzentralen, meint er. Von einer früheren Ausstellung speziell für Blinde stammt ein Wandrelief mit glatten und gekerbten Oberflächen. Anfassen erwünscht.

Modra lebt in Alsfeld. Nach einem Hausbesitzerwechsel war er gezwungen, eine neue Heimat für seine Skulpturenfamilie zu suchen. „Der Raum in Eberstadt hat mich gefunden“, sagt er. Über eine mit ihm befreundete Eberstädter Familie, die seine Arbeiten schätzt, fand er zufällig ein neues Domizil für seine Schätze.