Schauspieler Erwin Aljukic über seine Zeit in Darmstadt

Im Darmstädter Spielplan fand er die eigenen Themen: Erwin Aljukic, hier im Atelier der Künstlerin Vera Röhm. Foto: Guido Schiek

Erwin Aljukic prägte das inklusive Ensemble am Staatstheater. Er wechselt nach München - und blickt zurück auf bereichernde Jahre, obwohl er sich in der Stadt nie verwurzeln...

Anzeige

. Wenn eine gute Fee Erwin Aljukic nach einem Wunsch fragen würde, stünde das Darmstädter Staatstheater jetzt in München. Zwei Jahre war der Schauspieler in Darmstadt engagiert, hatte nach dreizehn Jahren Fernseharbeit ("Marienhof") den Wert eines Schauspielensembles kennengelernt, lässt auf den Intendanten Karsten Wiegand und den Schauspieldirektor Oliver Brunner nichts kommen. Die Selbstverständlichkeit, in der sie Kollegen mit Behinderung integrieren, ist einzigartig. Für Aljukic, der als Folge der Glasknochenkrankheit einen kleinen und ungleichmäßig gewachsenen Körper besitzt, ist das Staatstheater ein Referenzmodell, an dem sich andere Bühnen mit inklusivem Anspruch messen lassen müssen.

Im Darmstädter Spielplan fand er die eigenen Themen: Erwin Aljukic, hier im Atelier der Künstlerin Vera Röhm. Foto: Guido Schiek
Vertrauensvolle Freundschaft: Rita Latocha erlebte Erwin Aljukic zum ersten Mal in Messiaens Franziskus-Oper. Foto: Guido Schiek

Nur - es liegt in Darmstadt. Und es ist dem Schauspieler nicht gelungen, sich in dieser Stadt wirklich zu verwurzeln. Gewiss auch deshalb, weil er fast immer anreisen musste. Eine geeignete Wohnung war nicht zu finden. Barrierefrei hätte sie sein müssen und auch für eine Katze geeignet, da hatte auch das Theater keine Unterstützung parat. Aljukic pendelte aus Wiesbaden, kam mit Proben und Vorstellung auf Vierzehn-Stunden-Tage. Zuletzt kam er auch aus seiner Münchener Wohnung, die er nie aufgegeben hatte. Vier Stunden Fahrt, in der Kantine eine Kleinigkeit essen, ausruhen, in "König Ödipus" auf die Bühne, nachts über die Autobahn retour: Das sind Strapazen, die man sich auf Dauer nicht antun kann.

Anzeige

Zwischendurch kam Aljukic bei einem Mitglied der Statisterie unter. Um mit der Stadt vertrauter zu werden, half das nicht. Darmstadt hat schöne Ecken, aber auf dem Weg von Kranichstein ins Staatstheater findet man sie nicht. Erst jetzt, wo er an die Münchener Kammerspiele wechselt, lernt er die Stadt von neuen Seiten kennen. Rita Latocha zeigt ihm die wichtigen Stellen, mit ihr ist eine besondere Freundschaft gewachsen, und es ist Aljukic wichtig, dass sie auch beim Gespräch dabei ist. Latocha ist mit dem Darmstädter Kulturleben vielfältig verbunden, schon die Rettung des Block Beuys fürs Landesmuseum war ihr ein Herzensanliegen, sie arbeitete am Staatstheater und für die Mathildenhöhe, inzwischen im Atelier der Bildhauerin Vera Röhm, das sie fürs Gespräch gewählt hat. Seit ein paar Jahren ist sie in Folge einer Hirnblutung halbseitig gelähmt. Und sie war tief bewegt von Aljukics Auftritt in der Franziskus-Oper Olivier Messiaens, besuchte fast alle Vorstellungen, gab Briefe an der Pforte ab, wollte den Schauspieler kennenlernen. Der ging zum Glück darauf ein: So wuchs ein gegenseitig vertrauensvolles Verhältnis, in dem beide voneinander lernten. Als Fernsehschauspieler erlebte Aljukic, dass die Menschen sich freuten, wenn sie ihn auf der Straße erkannten. Hier aber wurde die Qualität seiner Arbeit gesehen, und das half ihm, sich zu öffnen.

Ein rsikanter Auftritt

Die Rolle in "Saint Françoise d'Assise" war kurz, aber einprägsam. Selbst das Orchester staunte, als Aljukic in der Generalprobe noch vor dem ersten Ton auf die Bühne kam, Regisseur Wiegand hatte den Auftritt sehr spontan eingefügt. Der Schauspieler betastet den Eisernen Vorhang, er horcht, für einen Augenblick wird die große Idee des Werkes greifbar, die hinter dieser Wand liegt. Ein riskanter Auftritt übrigens, denn der Weg ist schmal, eine Möglichkeit zum Festhalten fehlt, und es bedurfte erheblicher Konzentration, um nicht abzustürzen.

Aljukic meisterte die Situation mit jener eleganten, oft tänzerischen Körperbeherrschung, die er vielen seiner Figuren gab. Für ihn war die allererste Rolle die wichtigste, im Ensemble von "Moby Dick" lernte er auch das körperliche Vertrauen, das sich im Zusammenspiel entwickeln kann. In einer Szene überwand der Schauspieler die Angst, sich fallenzulassen. Und auch in anderen Rollen begegnete er nicht nur literarischen Figuren, sondern auch eigenen Themen und Herausforderungen. Und er fand ein Ensemble, in dem er sich einbringen konnte. "Ich wurde niemals festgelegt", sagt er.

Deswegen ist es für ihn auch ein emotionaler Abschied von Darmstadt, das er mit dem Gefühl der Dankbarkeit verlässt. Auch wenn ihm jedes Mal das Herz aufgeht, wenn er heimkommt nach München, blickt der Schauspieler zurück auf "zwei gute und bereichernde Jahre", sagt er und fügt nach einer kurzen Pause an: "Aber der Preis war hoch."

Anzeige

Manchmal hatte er den Eindruck, das Darmstädter Publikum wisse sein großartiges Theater gar nicht hinreichend zu schätzen. Sein Münchener Freundeskreis hat sowieso nicht mitbekommen, was für tolle Auftritte er in Darmstadt hatte. Das wird jetzt anders, und die aktuellen Stückentwicklungen, die zur Handschrift der Kammerspiele gehören, bieten weniger klassische Rollen als die Herausforderung performativen Handelns. Aljukic wird sehr genau darauf schauen, ob der selbstverständliche Umgang mit Behinderung dem Darmstädter Modell entspricht. "Wer weiß", sagt er, "vielleicht erwartet mich dort ja eine Rolle rückwärts."