OB Partsch im Interview: "Wir werden auch das meistern"

aus Coronavirus-Pandemie

Thema folgen
Jochen Partsch Archivfoto: Torsten Boor

Auch Darmstadt ist von der Corona-Welle getroffen. Oberbürgermeister Jochen Partsch sagt im Interview, wie sich die Verwaltung wappnet - und richtet einen Appell an die Bürger.

Anzeige

. Nichts ist mehr stabil. Und doch wird in Zeiten von Corona nichts mehr gebraucht als Stabilität. Oberbürgermeister Jochen Partsch beschreibt im ECHO-Interview, wie die Stadt versucht, so viel wie möglich davon herzustellen. Jeden Tag aufs Neue, den Nachrichten folgend.

Herr Partsch, wie geht es Ihnen?

Mir persönlich geht es gut. Aber ich bin besorgt, denn die Situation ist auch in unserer Stadt ernst.

Anzeige

Wie geht es den Mitarbeitern der Verwaltung? Wie hoch ist die Belastung?

Die Verwaltung arbeitet auf Hochtouren, um die aktuelle Lage zu bewältigen und die Verordnungen des Landes umzusetzen. Dabei sind die Dienststellen ganz unterschiedlichen Belastungen ausgesetzt. Es kommen viele Anfragen von Bürgern, die die Schließungen, die zur Aufrechterhaltung der Arbeitsfähigkeit der Verwaltung dienen, nicht verstehen. Das beschäftigt uns leider zusätzlich. Darüber hinaus sind zahlreiche Mitarbeiter eingesetzt, um die Arbeit des Krisenstabs zu unterstützen und umzusetzen. Selbstverständlich müssen auch sie ihre eigene Kinderbetreuung organisieren.

Wie steht es um diejenigen, die jetzt besonders gefordert sind, also Ärzte, Klinikpersonal, Heimpersonal, Polizei oder Feuerwehr?

Im Moment haben wir in Darmstadt und dem Landkreis elf bestätigte Corona-Fälle (Stand: 17.3., 10 Uhr). Die Erkrankten sind nicht schwer krank, haben leichte Symptome, sind isoliert und zuhause. Besonders belastet war das Klinikum, in dem bis Montag die Tests durchgeführt wurden, durch Wartende, die teilweise die Notaufnahme blockiert haben. Das ist nicht in Ordnung, ich rufe erneut zu Geduld und Rücksichtnahme auf. Wir prüfen im Moment mit Hochdruck die Verlegung der Teststelle vom Klinikum weg. Alle arbeiten hochprofessionell, hochmotiviert und auch hocheffizient. Allen ist klar, dass wir gemeinsam in der Verantwortung stehen, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und die Gesundheit der Darmstädter zu schützen.

Sie haben nach entsprechender Verfügung des Landes noch am Freitag einen Krisenstab gebildet. Wer gehört ihm an?

Anzeige

Dem Krisenstab gehören alle relevanten Stellen an, die für die Umsetzung der von Bund und Land verordneten Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie gebraucht werden. Dazu gehört der gesamte hauptamtliche Magistrat, Feuerwehr, Polizei, sämtliche Darmstädter Kliniken, Gesundheitsamt, Ordnungsbehörden, Pressestelle, Rechtsamt, Schul-, Sozial- und Jugendamt, IT, Stadtmarketing und Heag-Mobilo. Bei Bedarf kommen weitere Einheiten dazu.

Wie oft tagen Sie?

Der Krisenstab tagt derzeit einmal täglich und kann dadurch wichtige Informationen schnell und ohne Kommunikationsverlust verbreiten und die entsprechenden Maßnahmen ergreifen.

Glauben Sie, dass wir auf Dauer um eine Ausgangssperre herum kommen?

Das weiß wohl, Stand heute, niemand. Eine Ausgangssperre wäre ein extrem starker Eingriff. Ich halte es aber für möglich, dass auch dieser je nach Lage notwendig werden kann.

Welche weiteren Maßnahmen sehen Sie über die bereits verfügten als notwendig an, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen?

Die Vernunft und Umsicht der Bürger ist derzeit der entscheidende Punkt und auch unsere große Chance. Wir müssen die Infektionsketten unterbrechen. Das kann nur über die so genannte "Räumliche Distanzierung" erfolgen: Zwei Meter Abstand, Händewaschen, Rücksicht auf Ältere und Vorgeschädigte und, ja auch das, nach Möglichkeit zuhause bleiben.

Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit mit anderen Instanzen, insbesondere Land und Bund?

Wir stehen im ständigen Kontakt und Austausch und arbeiten dabei sehr konstruktiv miteinander. Eine solche Situation hat unser Land noch nicht erlebt, aber auch in dieser Situation wird sich zeigen, dass unser föderales System, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Gesundheit gleichzeitig bewahren kann.

Welche Rückmeldungen erreichen Sie aus der Wirtschaft?

Natürlich gibt es dort viele Existenzängste. Uns erreichen zahlreiche Anfragen aus der Wirtschaft, derzeit insbesondere aus Handel, Hotellerie und Gastronomie. Diese beziehen sich vor allem auf Fragen nach Fördermöglichkeiten, Abläufen und woher weitere Informationen, etwa zu Kurzarbeit, zu bekommen sind. Ich bin in permanentem Kontakt zum Einzelhandel über City-Marketing und Darmstadt-Marketing sowie in direkten Gesprächen mit großen Unternehmen, etwa der Firma Merck.

Die "Großen" halten bei aller Krise einiges aus. Was können Sie aber für die Kleinen wie Restaurants, Künstler, Agenturen, Orthopädiepraxen, Buchhandlungen (um nur ein paar Beispiele zu nennen) tun? Oder was sähen Sie am liebsten für diese Betriebe getan?

Ich gehe davon aus, dass das vom Bundeswirtschaftsminister verkündete Maßnahmenpaket für die Wirtschaft auch Fonds für kleine und inhabergeführte Unternehmen bereit halten wird, die dann auf die Städte und Gemeinden umgelegt werden. Selbstverständlich wären gerade hier Sofortmaßnahmen wichtig. Wir werden kommunal sicher auch schnell prüfen, wie wir insbesondere auch die bedrohte Kulturszene unterstützen können.

Für wann rechnen Sie mit einer Rückkehr zur Normalität? Auf welche Phasen und Dauer des Ausnahmezustandes müssen wir uns einstellen?

Da wir täglich, ja stündlich, neue Einsichten in die aktuelle Gefahrenlage erhalten, möchte ich hier keine Prognosen abgeben. Gerade hat das Robert-Koch-Institut die Risikoeinschätzung für Deutschland von mäßig auf hoch gesetzt. Eines ist sicher, wir haben den Höhepunkt der Krise noch nicht erreicht.

Ihr Appell an die Darmstädter ...

Liebe Darmstädterinnen und Darmstädter, wir haben häufig unter Beweis gestellt, dass wir sehr, sehr schwierige Situationen mit Klugheit, Geduld, Umsicht und Solidarität gerade mit den bedrohten Menschen unter uns gut bewältigt haben. Bleiben Sie daher gerade jetzt ruhig und besonnen, achten Sie auf sich und Ihre Angehörigen, aber richten Sie den Blick von sich selbst auch auf das Allgemeinwohl. Seien sie vorsichtig, aber nicht ängstlich, seien Sie zugewandt aber bleiben Sie auf Distanz. Lassen Sie uns zusammenstehen, dann werden wir auch diese neuartige Herausforderung gemeinsam meistern.

Mit den folgenden Grafiken lässt sich die Entwicklung des Coronavirus weltweit im Zeitverlauf nachvollziehen. Sowohl bei der Grafik "Weltweite Infektionen", die sich immer auf die Gesamtzahl zu einem Zeitpunkt bezieht, sowie bei der Grafik "Neuinfektionen pro Tag" kann über den Schieberegel jedes Datum zwischen dem 22. Januar und heute ausgewählt werden. Basis sind Daten des Johns Hopkins CSSE. Alle Daten und Grafiken zum Thema Coronavirus finden Sie hier!

Von Lars Hennemann