Neophyten: Fluch oder Segen? Was sagt ein Botaniker dazu

Simon Poppinga, neuer Leiter des Botanischen Gartens, begeistert sich seit seiner Jugend für fleischfressende Pflanzen.

Interview mit Dr. Simon Poppinga, Leiter des Botanischen Gartens in Darmstadt, über eingewanderte Arten.

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Der Götterbaum am "Waben" beim Schlossgraben ist groß gewachsen.
Götterbäume - hier ein Exemplar am Schlossgraben in Darmstadt - sind Gewinner des Klimawandels. Die invasive Art kommt mit Hitze und Trockenheit sehr gut zurecht. (© Andreas Kelm)

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Bis zu 30 Meter hoch können Götterbäume - hier an der Mensa der Hochschule Darmstadt - wachsen.
Bis zu 30 Meter hoch können Götterbäume - hier an der Mensa der Hochschule Darmstadt - wachsen. (© Torsten Boor)

Herr Dr. Poppinga, was sind Neophyten?

Das sind Pflanzen, die unserer Auffassung nach nicht hierhergehören. Dabei geht man aber von einer ursprünglichen, heimischen Flora aus, obwohl es die eigentlich nie gegeben hat. Die Natur ist immer im Wandel. Seit der letzten Eiszeit sind zum Beispiel viele Pflanzenarten eingewandert, die heute bei uns als heimisch angesehen werden. Kommen nun aber Pflanzen, die vor der Eiszeit hier angesiedelt waren, wieder zurück, gelten sie als gebietsfremde Arten. Pflanzen, die ein- und auswandern, sind eigentlich völlig normal. 

Aber was ist mit den invasiven Arten, die die heimischen Pflanzen verdrängen?

In Deutschland ist bislang noch keine heimische Pflanzenart von einer invasiven Pflanzenart komplett verdrängt worden. Es gibt natürlich Lebensräume und Biotopabschnitte, wo sich die Pflanzen schon mal etwas „rüpelhaft“ benehmen und zum Problem werden können. Aber ausgestorben ist deswegen noch keine Art. 

Es sind häufig Arten aus Nordamerika, die sich hier breitmachen?

Ja, bei uns in Deutschland ist 1492 eine Zäsur gemacht worden: Alles was vor der Entdeckung Amerikas und den damit verbundenen neuen Transportwegen bei uns eingewandert ist, gilt quasi als heimisch. Alles was danach zu uns kommt bzw. gekommen ist, ist neu und gebietsfremd. Manche dieser Arten überleben nur kurzfristig in Pflasterritzen und sind nach einem Winter wieder weg. Andere Arten haben sich etabliert. Wenn sie uns Menschen Problemen machen, gelten sie als invasiv.

Was sind das für Probleme?

Das ist unterschiedlich. Es gibt Neophyten, die in Naturschutzgebieten nichts zu suchen haben, weil sie die geschützten Pflanzen in dem Gebiet verdrängen. In der Griesheimer Düne gibt es zum Beispiel große Bestände vom Eschenahorn, der da gar nicht hingehört. Auch der Kuba-Spinat hat sich dort unter Schlehen- und Weißdornhecken breit gemacht. Das ist für das Naturschutzgebiet ein Problem, weil damit die Flächen mit den seltenen Arten zugewuchert werden.

Gibt es denn noch Lebensräume, in denen keine gebietsfremden Arten leben?

Nur noch ganz wenige. Hochmoore zum Beispiel.

Weil das extreme Standorte sind?

Ja, dort gibt es zum Beispiel fleischfressende Pflanzen, die ich in meiner Forschung auch selbst untersuche. Sie leben auf extrem nassen und nährstoffarmen Böden und holen sich die Nährstoffe aus der Luft, über die Tiere, die sie fangen. Doch auch in Hochmooren gibt es ein Problem mit Exoten: ab und an werden dort gebietsfremde Arten ausgesetzt, die sich dann ausbreiten und vermehren. Das Problem ist, dass diese Gebiete ihren Naturschutzstatus verlieren können, wenn das auf Kosten der dort natürlicherweise vorkommenden, streng geschützten Pflanzen geht. 

Also bloß nicht die Lieblingsblume aus dem Garten nehmen und an einem naturnahen Bachlauf aussetzen, weil sie dort so schön aussieht? 

Genau, das sollte man besser nicht machen. Wir müssen auch im Botanischen Garten aufpassen, dass bei uns keine potenziell invasiven Arten entfleuchen.

Sie sagen, Neophyten sind Segen und Fluch zugleich. Können Sie das an einem Beispiel erklären?

In fragilen Lebensräumen wie der Griesheimer Düne sind Neophyten eher ein Fluch. Aber der allgegenwärtige, invasive Götterbaum könnte zum Beispiel ein idealer Stadtbaum sein. Er erträgt Hitze und Trockenheit gut. Und wir haben nun mal immer heißere und trockenere Sommer, die unseren bisherigen Stadtbäumen Probleme machen. Ein anderes Beispiel: Das drüsige Springkraut verdrängt heimische Pflanzen. Aber es ist bis in den Herbst hinein eine prächtige Bienen- und Hummelweide. 

Sie würden also Neophyten nicht von vorneherein verteufeln?

Nein, weil die Natur immer von Wandel betroffen ist und wir viele Aspekte der stattfindenden Veränderungen heute noch gar nicht abschätzen können. Wir wissen teilweise ja auch nicht, welche Arten wirklich neu bei uns sind. Es gibt zum Beispiel diese große Gattung der Gänsefüße, die nahe mit dem Spinat verwandt sind, doch bei vielen, hier bei uns auftretenden Pflanzen dieser Gattung ist deren genaue Identität und damit auch ursprüngliche Herkunft noch gar nicht geklärt. 

Auf der anderen Seite gibt es den Götterbaum, der klar als Bösewicht geoutet ist: Er gilt laut EU-Richtlinie als invasive Art und darf nicht gehandelt werden. Was halten Sie von dieser Pflanze?  

Das ist ein schöner großer Baum: Er macht Fotosynthese, gibt Feuchtigkeit ab, kühlt und ist ein Schattenspender. Götterbäume brauchen nicht viel Platz, um groß zu werden. Eine Mauerfuge reicht. Ich finde, es sind Lebenskünstler. Doch sie können eben auch zu Problempflanzen werden. Sie wachsen schnell und wuchern zum Beispiel Bahngleise zu und verursachen dadurch wirtschaftlichen Schäden. 

Wenn Sie einen Götterbaum bei sich zu Hause im Garten hätten, würden Sie ihn stehenlassen?

Ich denke schon. Allerdings würde ich darauf achten, dass er sich nicht unkontrolliert ausbreitet.  

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