„Man muss früh mit dem Altern anfangen“

„Schlau bleiben ist harte Arbeit“, sagt Dieter Heymann – dafür bekommen alte Menschen heute mehr Angebote denn je. Archivfoto: Uni Mannheim  Foto:

Wie geht das, alt zu werden und gut drauf zu bleiben? Der Darmstädter Autor Dieter Heymann kennt ein paar Antworten darauf. Am Donnerstag, 15. Februar, erzählt er um 17 Uhr...

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DARMSTADT. Wie geht das, alt zu werden und gut drauf zu bleiben? Der Darmstädter Autor Dieter Heymann kennt ein paar Antworten darauf. Am Donnerstag, 15. Februar, erzählt er um 17 Uhr im Schlösschen im Prinz-Emil-Garten von der „Wissenschaft vom fröhlichen Altern“. Dabei berichtet er über die Ergebnisse der neueren Forschung. Der 72-Jährige lebt vor, wie es gelingen kann: Der gelernte Kaufmann studierte nach dem Ruhestand mit 58 und gründete mit Gleichgesinnten die „Akademie 55 plus“. Er läuft, radelt und reist viel. Wie er das alles packt und was sich daraus lernen lässt, sagt Heymann im ECHO-Gespräch.

Herr Heymann, warum müssen Menschen jenseits der 70 unbedingt ins Fitness-Studio, aufs Rennrad und in die Disco? Manches, was Sie sich antun, sieht nach Zwang aus.

Ein Zwang ist das mit Sicherheit nicht. Diese Menschen wollen etwas mit diesem Lebensabschnitt anfangen, der ja immer länger wird. Ich gehe übrigens auch jede Woche zum Fitness, zweimal auf den Hometrainer und im Sommer schwimme ich jeden Morgen.

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Hört sich anstrengend an.

Für mich ist das keine Anstrengung, sondern eine Freude! Anstrengend wäre für mich, still am Tisch zu sitzen und ein Sieben-Gänge-Menü zu essen, sowas schaff ich nicht. Schauen Sie sich mal die Entwicklung der Lebenserwartung an: Wenn Sie heute 50 sind, haben Sie als Mann noch durchschnittlich über 30 Jahre Lebenszeit zu erwarten. Als Frau noch über 34 Jahre. Diese Zahlen haben Lebensversicherer 2010 vorgelegt, die haben sich inzwischen sicher noch erhöht. Das bedeutet: Das Altsein überragt sämtliche anderen Lebensabschnitte, die Jugendzeit, die Adoleszenz und die Zeit der Berufstätigkeit. Diese Zeit wollen die Menschen aktiv gestalten. Sie wollen nicht wie früher in schwarzer Kleidung in ihrer Wohnung sitzen und auf den Tod warten.

„Schlau bleiben ist harte Arbeit“, sagt Dieter Heymann – dafür bekommen alte Menschen heute mehr Angebote denn je. Archivfoto: Uni Mannheim  Foto:

Manchmal macht man sich trotzdem Sorgen um ältere Menschen, die mit E-Bikes durch die Stadt sausen. Müssen die jede Mode mitmachen?

Stimmt schon, so was kann auch gefährlich werden. Aber die Neugier und das Bedürfnis nach Aktivität sind auch legitim. Schauen Sie sich den unheimlichen Erfolg der Akademie 55 plus in Darmstadt an. 2006 hatten wir mit einer kleinen Gruppe angefangen, die einfach Lust hatte, sich gegenseitig Vorträge zu halten und dazuzulernen. 1500 Mitglieder haben wir heute, rund 70 Prozent Frauen darunter.

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Warum kann man dem Alter nicht einfach gelassen entgegen sehen? Den Garten in Schuss halten, die Holzvertäfelung im Hobbykeller richten?

Kann man schon. Das ist abhängig vom jeweiligen Typ. Aber was machen diese Menschen, wenn Garten und Keller in Ordnung sind? Was tut man dann? Wenn man selbstständig gearbeitet hat wie ich, kann man sich schon vor dem Ruhestand manche Freiheiten nehmen, die man als Angestellter nicht so hat. Ich habe Seminare besucht, mich zum Bachblüten-Berater weitergebildet, nebenher Verhaltenspsychologie studiert. Das macht schon ein wenig gelassen. Aber nicht jeder hat im Alltag Zeit, sich wirklich aufs Alter vorzubereiten.

Sie empfehlen eine Methode, um sich schon früh ans jeweilige Alter anzupassen – die SOK-Methode. Wie funktioniert die?

Es geht um drei Schritte. Wir konzentrieren uns auf das wirklich Wichtige; wir verbessern das, was wir noch gut können; wir gleichen das aus, was wir nicht mehr schaffen – wir setzen halt eine Brille auf oder schreiben auf einen Zettel, was wir uns nicht mehr so gut merken können. SOK steht für diese drei Schritte: Selektion, Optimierung und Kompensation. Ein gutes Beispiel dafür, wie man das macht, gab der Pianist Arthur Rubinstein.

Was hat Rubinstein genau gemacht?

Er hat sich gesagt: Ich kann mir nicht mehr hunderte Klavierkonzerte merken, ich suche mir die aus, die ich am liebsten spiele. Er hat also ein paar wenige ausgewählt und die mehr geübt als früher. Außerdem konnte er auch nicht mehr einfach vom Blatt spielen – seine Augen wurden schwächer, also hat er sein Gedächtnis mehr trainiert. Schließlich hat er die Stücke etwas langsamer vorgetragen, das war mit dem Dirigenten der Berliner Philharmoniker so abgesprochen. Das Publikum hat es kaum gemerkt.

Der Dirigent Leonard Bernstein, der ebenfalls Klavier gespielt hat, fand das wenig attraktiv. Er wolle nicht wie Rubinstein bis zum Ende immer wieder das gleiche Klavierkonzert geben, sagte er. Sein Rezept für gutes Altern war: Immer wieder Neues wagen. Bleibt das Hirn so nicht eher in Schwung?

Sicher, Neugier gehört auf jeden Fall dazu. Die Hirnforschung weiß heute, dass sich neue Hirnzellen auch im hohen Alter weiter bilden. Es geht also nicht alles Stück um Stück einfach verloren. Die Plastizität unseres Gehirns entwickelt sich ständig weiter – aber dafür muss man es entsprechend anregen. Das Hirn muss Nahrung bekommen, damit diese Zellen gebildet werden. Das ist nur möglich, indem wir sie aktivieren. Aber schlau bleiben ist harte Arbeit.

Immer in den gleichen Bahnen zu denken dürfte da nicht helfen.

Ich sag mal so: Kreuzworträtsel zu lösen ist sicher auch eine wichtige Sache. Aber es ist doch immer das Gleiche.

Schweizer Kanton mit drei Buchstaben…

…genau. Wenn Sie das tausendste Rätsel gelöst haben, brauchen Sie nicht mehr nachzudenken. Das bringt Sie nicht weiter. Man muss Körper und Geist gleichermaßen in Bewegung halten, sich gut ernähren, seine sozialen Kontakte pflegen – und damit vor allem früh anfangen.

Wie früh?

Am besten sein Leben lang. Man muss beizeiten eine gute Haltung zum Älterwerden entwickeln. Das haben Altersforscher an der Uni Heidelberg bestätigt. Entscheidend ist, welche Sicht ich selbst auf das Leben im Alter habe. Sehe ich nur den körperlichen Verfall oder sehe ich mich als aktiv an? Leben heißt sterben lernen, sagen die Philosophen.

Das Interview führte Thomas Wolff.