Lehrmeister mit vier Beinen

Horsemanship-Seminarleiterin Sylvia Pfeiffer (links) mit Pferd Wanja und Sandy Maichel mit Winnetou beim Coaching auf dem Gehaborner Hof.Foto: Dagmar Mendel  Foto: Dagmar Mendel

Es riecht nach Stall, Pferden und Sommer. Wanja und Winnetou wälzen sich wohlig im Sand, bevor zwei Besucherinnen ihr Freilaufgelände auf dem Gehaborner Hof betreten. Jetzt...

Anzeige

DARMSTADT. Es riecht nach Stall, Pferden und Sommer. Wanja und Winnetou wälzen sich wohlig im Sand, bevor zwei Besucherinnen ihr Freilaufgelände auf dem Gehaborner Hof betreten. Jetzt ist Schluss mit lustig. Zusammen mit den Pferden bilden die Frauen ein Team. Während sie ein Seil in den Händen halten, das sie nicht loslassen dürfen, sollen sie aus herumliegenden Hölzern und blauen Plastiktonnen einen Parcours bauen und die beiden Pferde darüber führen. Doch Stute Wanja bockt. Erst mit Schnalz- und Lockrufen und hartnäckiger Geduld lässt sie sich zum Mitmachen bewegen. Mit dem gutmütigen Wallach Winnetou haben die beiden Frauen dagegen leichteres Spiel.

Neue Lösungen für Probleme finden

Wie finden vier so unterschiedliche Charaktere zueinander? Warum braucht das eine Pferd eine andere Ansprache als das andere? Und wie leicht oder schwer fällt es den Frauen, miteinander buchstäblich an einem Strang zu ziehen? Vom Rand des Turnierplatzes der „Indian Sky Ranch“ aus beobachten Sylvia Pfeiffer und Michaela Katharina Nahler das Geschehen. Sie leiten Workshops und Seminare in pferdegestütztem Coaching. Dieses Persönlichkeitstraining soll Männern und Frauen helfen, neue Lösungsstrategien für Probleme mit Kollegen oder bei der Führung von Mitarbeitern zu entwickeln oder auch mehr Selbstvertrauen zu gewinnen. Die meisten Übungen kommen ohne Worte aus, entscheidend ist die Körpersprache.

Anzeige

Zu Beginn eines Workshops oder Seminars und nach ausführlichen Vorgesprächen zum Kennenlernen, dürfen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer intuitiv eines der fünf Pferde von Sylvia Pfeiffer aussuchen. Sie merken schnell, dass sie auf seine Körpersignale achten müssen, damit sie die gestellte Aufgabe bewältigen. Der spielerische Umgang mit den Pferden lädt dazu ein, alte Verhaltensweisen über Bord zu werfen und Neues auszuprobieren. Mancher vierbeinige Sturkopf folgt erst willig, wenn er an einer langen Leine geführt wird. Bei durchsetzungsstarken Chefs könnte diese Erkenntnis zu der Konsequenz führen, dass sie ihren Mitarbeitern künftig mehr Handlungsspielraum einräumen.

Wie die Einzel- oder Teamaufgaben gelöst wurden, sehen sich die Teilnehmer später auf Video an. Die Aufnahmen werden besprochen, geben Denkanstöße, sind vielleicht die ersten Schritte für größere Veränderungen. „Wir bieten hier nur den Raum. Was man hinterher draus macht, liegt bei jedem selbst“, sagen die Coachinnen, die sich als Türöffner in diesem Prozess verstehen. Für viele sei die Begegnung mit dem Tier ein Erlebnis, das lange nachwirkt.

Pferde und Coaching – warum funktioniert das? „Menschen können aus Höflichkeit auch mal nicht ehrlich sein, aber ein Pferd reagiert im Hier und Jetzt“, sagt Sylvia Pfeiffer. Es will – wie die Menschen – gehört, gesehen, angenommen und in seinen Bedürfnissen verstanden werden. Coaching mit Unterstützung von Pferden sei effizienter als Gespräche. „Mit Pferden wird eine andere Ebene im Bewusstsein angesprochen“, ergänzt Michael Katharina Nahler.

Sylvia Pfeiffer (57) war schon als Kind pferdebegeistert und erwarb mit 24 Jahren ihr erstes Pferd, Selim, der heute 35 Jahre alt ist. Vor 20 Jahren begann sie, nebenberuflich Unterricht in Western- und Freizeitreiten zu geben und bildete sich ständig weiter.

Ihre Kooperationspartnerin Michaela Katharina Nahler (39), eine gebürtige Wienerin, hat bei Merck in der Arzneimittelentwicklung und -zulassung gearbeitet und wechselte dann in eine Führungsposition in der Schweiz. Sie besitzt ein eigenes Pferd und hat Erfahrung in pferdegestütztem Coaching mit Schwerpunkt Teamentwicklung gesammelt.