Lehrer fühlen sich überlastet - Pädagogen aus elf...

Oberstufenschüler im Fachunterricht - nicht alle kommen im gleichen Tempo mit. Die Leistungsunterschiede nehmen seit Jahren zu, sagen Darmstädter Gymnasiallehrer. Doch individuelle Förderung kostet viel Zeit und Energie. Archivfoto: dpa

Zu wenig Zeit für die Schüler, zu viele neue Aufgaben: Die Lehrer fast aller Darmstädter Gymnasien schlagen Alarm. Die Bedingungen, unter denen sie unterrichten sollen,...

Anzeige

DARMSTADT. Zu wenig Zeit für die Schüler, zu viele neue Aufgaben und viel Nerv mit Verwaltungsaufgaben: Die Lehrer fast aller Darmstädter Gymnasien schlagen Alarm. Die Bedingungen, unter denen sie unterrichten sollen, "gefährden die Gesundheit der Lehrer und das Bildungsniveau der Schüler" - so heißt es in einer Reihe von "Gefährdungsanzeigen", die dem Staatlichen Schulamt in Darmstadt und dem Hessischen Kultusministerium vorliegen. Kollegen von Gesamtschulen aus Stadt und Kreis haben sich angeschlossen. Insgesamt elf Schulen haben entsprechende Anzeigen erstattet. Schnelle Hilfe bekommen sie nicht: Das Land will nun erst mal sondieren, wo es an den einzelnen Schulen klemmt.

Es ist das erste Mal, dass sechs Darmstädter Gymnasien sich auf diese Weise bei ihrem Dienstherrn, dem Land Hessen, beklagen. Beispiel Lichtenbergschule, 1250 Schüler werden hier von etwa 100 Lehrkräften unterrichtet. Letztere haben es "mit immer mehr Kindern mit einem erhöhten Bedarf an Unterstützungsmaßnahmen" zu tun, heißt es in dem Schreiben an den Minister. Differenzierten Unterricht müssen sie ohnedies schon anbieten. Förderpläne für leistungsschwache Jugendliche zu erarbeiten, das nehme viel Zeit in Anspruch, sagt Danica Rautenberg, die Biologie und Englisch unterrichtet und die Anzeige mit formuliert hat. Die Fähigkeiten der Schüler seien so unterschiedlich wie nie - kein Wunder, sagt sie, wenn zwei Drittel aller Darmstädter Grundschüler aufs Gymnasium geschickt werden.

"Hier werden auch Schüler angemeldet, die eigentlich nicht geeignet sind", sagt Rautenberg. Viele Kollegen an anderen Schule bestätigten das. Seit hessenweit die Eltern das letzte Wort haben bei der Wahl der weiterführenden Schule, wird diese Klage lauter. Die Lehrerin berichtet von zunehmenden Verhaltensauffälligkeiten, Problemen bei der Konzentration, mangelhaften Arbeits- und Sozialverhalten. Im Bio-Unterricht bereite schon das Auswendiglernen von Fakten manchem Schüler erhebliche Schwierigkeiten. Wie eine Zelle genau aufgebaut ist, das muss Rautenberg beispielsweise den Schülern in der E-Phase der Oberstufe beibringen.

Schon das überfordert manchen Schüler: "Wir müssen sie immer wieder individuell unterstützen, damit sie das Klassenziel erreichen." Im Ergebnis schlagen regelmäßig viele Überstunden zu Buche. Und zu wenig Zeit, um sich auf den Unterricht vorzubereiten. Etwa ein Viertel bis ein Drittel ihrer Zeit, schätzt Rautenberg, brauche sie inzwischen für Absprachen, Dokumentation und andere Verwaltungsdinge. Das alles bei Klassengrößen von bis zu 30 Schülern.

Anzeige

Wer eine volle Stelle hat, heißt es in der Anzeige, "unterrichtet insgesamt um die 220 Schüler". Da stelle sich die Frage, "wie man so viele individuell unterrichten kann." Die Inklusion behinderter Schüler komme als neues Arbeitsfeld dazu.

Seit Mitte Mai haben die Gefährdungsanzeigen der Personalräte den zuständigen Minister Alexander Lorz (CDU) erreicht. Der lässt jetzt auf Anfrage mitteilen: Das Staatliche Schulamt werde "auf die Schule zugehen und über die jeweilige Situation vor Ort sprechen." Erst mal sollen alle Schulleiter sich äußern und "sagen, wo genau der Schuh drückt", sagt Schulamtsleiter Ralph von Kymmel. Mit einem Schulleiter habe es bisher ein solches Gespräch gegeben.

Von Kymmel bestätigt die Diagnose der Lehrer: "Die Vielfalt und Heterogenität der Schüler hat extrem zugenommen." Was in einigen Schreiben als Überforderung dargestellt wird, zählt für ihn allerdings "zum Teil zu den Regelaufgaben einer Lehrkraft". Auch beanspruche die Mehrarbeit durch Inklusion die Gymnasien geringer als beispielsweise die Grundschulen. Je nach Problemlage will das Staatliche Schulamt die Gymnasien mit Fachberatern unterstützen. Auch Schulpsychologen könnten hinzugezogen werden, um die Arbeitsverhältnisse zu verbessern.

Häufig würden auch schlicht miserable Fachräume, Klassenzimmer und Toiletten moniert - "das ist dann Aufgabe des Schulträgers", also der Stadt Darmstadt, sagt von Kymmel. Die Kommune weiß längst um die Missstände. Doch die maroden Schulgebäude stecken in einem langen Sanierungsstau.