Brustkrebs: Wie lebt man ohne Aussicht auf Heilung?

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Brustkrebs ist der häufigste Krebs bei Frauen. Der Brustkrebsmonat Oktober erinnert daran. Die meisten Erkrankten haben eine Heilungsprognose. Lea Meier nicht.

Die 40-jährige Darmstädterin Lea Meier hat seit fünf Jahren metastasierten Brustkrebs, eine Heilung ist ausgeschlossen. "Solange ich nicht gestorben bin, lebe ich", sagt sie.

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Darmstadt. Dass Lea Meier an diesem feuchten, ungemütlichen Oktobernachmittag auf einem der Stühle vor dem Herrngartencafé sitzt, war von der Statistik so nicht vorgesehen. Vor fünf Jahren wurde bei der Vierzigjährigen ein Inflammatorischer triple-negativer Brustkrebs diagnostiziert. Inflammatorisch heißt, dass die Schwellung, Rötung und Überhitzung der Brust eine Entzündung vorgaukelt, die die eigentliche Ursache, den Tumor, überdeckt. Bis dieser Brustkrebs diagnostiziert wird, vergehen oft Monate.

Das war bei Lea Meier nicht anders. Im Januar entwickelte sie Symptome, fühlte sich abgeschlagen und unwohl, erst im August wurde die richtige Diagnose gestellt. Dazu kam: "Der Tumor hat praktisch sofort in die Lunge gestreut", sagt sie. Und: Er war weder hormonrezeptor-positiv noch verfügte er über einen Rezeptor für den Wachstumsfaktor HER2. Man spricht daher von einem triple-negativen Karzinom. Es hat von diesen drei genannten Varianten die schlechteste Überlebensprognose mit knapp 80 Prozent. Bei Inflammatorischem Brustkrebs sieht es noch viel schlechter aus: 30 Prozent Fünfjahres-Überlebensrate.

Metastasierter Brustkrebs ist nicht heilbar

Metastasierter Brustkrebs. Mit 35. "Als sie sagten, ich habe Krebs, war mir sofort klar, dass ich Lungenmetastasen hatte", sagt Lea Meier, die eigentlich anders heißt. "Ich hab schon lange gehustet, nichts Dramatisches, aber mit dem Bild zusammen konnte ich mir erklären, wo das herkommt."

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Metastasierter Brustkrebs ist nicht heilbar. Wie geht man damit um? "Ich hab allen Bescheid gesagt und das war das Schlimmste - dass ich allen sagen musste, nein, das wird nicht weggehen." Sie wusste, der Krebs war weit fortgeschritten, ihr war klar, wenn die Chemotherapie nicht greift, wird sie nicht mehr lange leben. "Und dann habe ich meine Beerdigung geplant." Uff.

Zunächst schlug die Behandlung an

Sie war beim Bestatter, hat ihre Einäscherung in Auftrag gegeben, ein Treuhandkonto für das Sterbegeld angelegt, ihre Patientenverfügung ausgefüllt und mit Freunden vereinbart, dass die sich drum kümmern, dass sie so sterben wird, wie sie möchte. "Ich hatte gar keine Zeit, depressiv zu sein", sagt sie im Rückblick. "Ich hatte eine kurze Phase, in der ich wahnsinnige Angst hatte und nichts mehr genießen konnte, aber das war nur ein kurzer Moment, dann kam mein Humor zurück - Gott sei Dank!" Bei metastasiertem Brustkrebs wird eigentlich nicht mehr operiert. Aber die Ärztinnen und Ärzte am Klinikum Darmstadt berieten sich mit ihr. Sie wollten eine Therapie versuchen, jung, wie sie war.

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Lea Meier machte ihre erste Chemo. Die schlug an, der Tumor war in der Brust nicht mehr nachweisbar, auch die Metastasen in der Lunge waren verschwunden. Die Tumorbrust wurde entfernt - zum Glück, denn der histologische Befund wies noch aktive Krebszellen nach -, die befallenen Lymphknoten wurden herausgenommen. Danach wurde der gesamte Bereich bestrahlt, "und das hat auch gut funktioniert", sagt Lea Meier, "weil da ist nie wieder was entstanden".

In der Lunge schon.

Seitdem wird sie immer wieder mit Chemotherapie behandelt. Eine Chemotherapie, die besser verträglich ist als die erste, bei der die Haare ausfielen, das Immunsystem immer wieder zusammenbrach, sie Rheuma bekam und so viel Cortison nehmen musste, dass sie 30 Kilogramm zunahm.

Seit fünf Jahren regelmäßig in der Klinik

Jedoch: "Natürlich gab es schlechte Zeiten." Phasen, in denen sie viel weinen müsse und wo sie sich auch so richtig leidtut. "Das muss halt raus und dann geht es weiter". Aber sie habe sich die ganze Zeit selbst versorgt, sagt Lea Meier.

 Ich akzeptiere, dass mein Leben nicht mehr planbar und alles offen ist. Ich erobere meine Psyche zurück. Meine Stärke, meinen Willen.

LM
Lea Meier

Das gilt auch während der jetzigen wiederholten Chemotherapie mit einem Wirkstoff, der zumindest die Haare erhält. "Ich hab Hand-Fuß-Probleme, Verdauungsbeschwerden, bin müde", räumt sie ein. Hand-Fuß-Probleme heißt, dass durch die Chemo die Nervenenden in den Finger- und Zehenspitzen absterben. Trotzdem geht Lea Meier arbeiten, allerdings nicht mehr Vollzeit. Sie hat eine 100-Prozent-Schwerbehinderung.

Seit fünf Jahren ist Lea Meier regelmäßig im Klinikum. Sie fühlt sich dort sehr gut aufgehoben, bezeichnet sich selbst als "Inventar". Sie ist Expertin für ihren Körper und ihre Krankheit und findet sich auf Augenhöhe mit dem medizinischen Personal wieder. "Ich hatte immer Unterstützung und war nie nur eine Nummer." Etwas, für das sie sehr dankbar ist und ebenso schätzt wie die Psychoonkologie. "Man merkt an der Verarbeitung, ob jemand beim Psychoonkologen ist", stellt sie fest.

"Und solange ich nicht gestorben bin, lebe ich"

Sie könne deshalb so positiv sein, sagt Lea Meier, "weil ich akzeptiert habe, dass ich sterben werde". Für einen Poetry Slam schrieb sie die Sätze, "Ich akzeptiere, dass mein Leben nicht mehr planbar und alles offen ist. Ich erobere meine Psyche zurück. Meine Stärke, meinen Willen." Sie wisse, sie verursache in ihrer Familie, in ihrem Freundeskreis Schmerzen: "Das ist voll scheiße und unfassbar schön."

Der Tod war zuvor schon Teil ihres beruflichen Lebens mit Schwerstdrogenabhängigen, stellt sie fest. Tod ist für sie kein Tabuthema. "Und ich hab' die Phase mit der Fragestellung ,Warum ich?' einfach übersprungen." Denn darauf gibt es keine Antwort.

In zwei Wochen beginnt für Lea Meier die nächste Chemo. "Ich werde am Krebs sterben, aber ich weiß nicht wann", sagt sie. "Und solange ich nicht gestorben bin, lebe ich."