Interreligiöser Dialog in der Darmstädter...

An der Wilhelm-Leuschner Schule wird der interreligiöse Dialog gefördert. Schüler der Klasse R10a befragen (von links) die Vertreterin der jüdischen Gemeinde Frankfurt, Petra Kunik, den Imam Mohammed Johari. Mit dabei Klassenlehrerin, Angela Amri-Knoll.Foto: Andreas Kelm  Foto: Andreas Kelm

Im Klassenraum einer zehnten Klasse ist es wohl selten so still. Gespannt blicken die 19 Schüler der Klasse R10a und ihre Klassenlehrerin Angela Amri-Knoll nach vorn. Dort...

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BESSUNGEN. Im Klassenraum einer zehnten Klasse ist es wohl selten so still. Gespannt blicken die 19 Schüler der Klasse R10a und ihre Klassenlehrerin Angela Amri-Knoll nach vorn. Dort sitzt die Jüdin Petra Kunik und erklärt gerade, warum jüdische Männer beschnitten werden.

„Die Beschneidung im Judentum ist unerlässlich“, sagt die Vorsitzende des Abrahamischen Forums, einem Zusammenschluss von Juden, Christen, Muslimen und Bahai, „sie ist ein Zeichen für den Bund zwischen Gott und dem Volk und hat ihren Ursprung in einer Begegnung des Propheten Abrahams mit Gott.“

Gemeinsamkeiten der Religionen überraschen

Neben Kunik sitzt der Muslim Mohammed Johari, Imam einer Frankfurter Moschee, und nickt. „Das ist im Islam genauso.“

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Diese Gemeinsamkeit überrascht die Schüler. „Ich wusste schon vorher einiges über den Islam“, sagt die 17-jährige Dilara, „aber ich wusste nicht, dass sich der Islam und das Judentum in manchen Dingen so ähneln.“ Die Schüler der Haupt- und Realschule in Bessungen hatten innerhalb eines Ethikprojekts jeweils einen Vertreter des Judentums, des Islams und des Christentums eingeladen, um über die verschiedenen Religionen zu sprechen. Der evangelische Pfarrer Andreas Schwöbel konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht anwesend sein. Das Projekt findet zum ersten Mal in der Wilhelm-Leuschner-Schule statt, die Idee hatten Andreas Schwöbel, der ebenfalls Lehrer an der WLS ist, und Angela Amri-Knoll. „Es ist eine wunderbare Sache, dass wir durch dieses Gespräch mehr über die verschiedenen Religionen erfahren können“, so Amri-Knoll.

Den Schülern liegt besonders die Frage am Herzen, wie Menschen mit unterschiedlichen Religionszugehörigkeiten miteinander umgehen sollen. „Was können wir dafür tun, damit das interreligiöse Zusammenleben verbessert wird?“, fragt der 17-Jährige Enis. Petra Kunik, ermutigt die Schüler, ihre Vorurteile und Ängste gegenüber anderer Religion zu überwinden. „Traut euch, Fragen zu stellen. Nur so können wir pauschale Vorurteile abbauen.“

Die Schüler schrecken auch vor umstrittenen Themen nicht zurück. Die Realschülerin Michelle möchte wissen, wie Juden und Muslime homosexuelle Beziehungen beurteilen. Aus Sicht des jüdischen Glaubens spreche nichts gegen gleichgeschlechtliche Paare, sagt Kunik, die auch als Synagogendienerin tätig ist. „Es ist alles erlaubt, solange es mit Liebe und Einverständnis einhergeht.“

Interesse für den christlichen Glauben

Nach den Vorstellungen des Islams ist das Ausleben der Homosexualität jedoch eine Sünde. „Das führt aber nicht dazu, dass die betroffene Person aus der Religion ausgeschlossen wird“, erklärt der Imam.

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Die Abwesenheit des evangelischen Pfarrers wird von den Schülern bedauert. „Es ist schade, dass kein christlicher Vertreter anwesend war, da viele von uns Muslime sind“, sagt Silannur, 15 Jahre alt und ebenfalls Muslimin. Nur wenige Schüler haben bereits einen christlichen Gottesdienst besucht. Mohammed Johari versucht, den Schülern den christlichen Glauben zu veranschaulichen: „Der Islam ist wie das Christentum, nur ohne die Lehre der Dreifaltigkeit, also der Vorstellung von Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist.“

Johari weiß, wovon er spricht. Er wurde christlich erzogen und ist erst am Ende seiner Schulzeit zum Islam konvertiert. Damals, so sagt er, sei das Leben als Muslim einfacher gewesen als heute. „Man musste sich nicht für alles rechtfertigen“, so der 37-Jährige.

Die Schüler interessieren sich sehr für das Leben des Muslims, obwohl – oder gerade weil – einige selbst Muslime sind. Deshalb überrascht es kaum, dass die Schüler am Ende der Diskussion fragen, ob sie die Moschee in Frankfurt besuchen dürften. Der Imam freut sich sichtlich überdie Neugier der Schüler: „Wir haben für jeden eine offene Tür – egal welcher Religion er angehört.“

Von Nina Brückner