In Darmstadt finden vier Menschen unter dem Dach der...

K wohnt im Kirchenasyl in der Matthäusgemeinde und malt die Wandbilder nach. Foto: Guido Schiek

Derzeit leben vier Menschen auf dem Kirchengelände in der Heimstättensiedlung in Darmstadt: zwei Frauen und zwei Männer, alle zwischen 20 und 30 Jahre alt, aus Somalia,...

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DARMSTADT. Bereits einige Monate vor dem Anstieg der Flüchtlingszahlen im Spätsommer 2015 stand der Mann aus Eritrea vor den Toren der evangelischen Matthäusgemeinde in der Heimstättensiedlung. Schon damals, im April vor drei Jahren, hatte sich herumgesprochen, dass es in der Matthäusgemeinde einen Pfarrer gibt, der gemeinsam mit vielen ehrenamtlichen Helfern von Nächstenliebe nicht nur predigt - sondern sie auch lebt.

Pfarrer Andreas Schwöbel öffnete die Kirchentür und gewährte dem Mann aus Eritrea, der über Sachsen-Anhalt nach Darmstadt kam, Kirchenasyl. Heute, drei Jahre später, lebt der Mann noch immer in Darmstadt, ist verheiratet und hat eine Aufenthaltsgenehmigung. "Er wollte studieren - was weiß ich nicht, aber er war echt gut im Deutschlernen" erinnert sich der Pfarrer.

Schwöbels Kirchentür ist offen geblieben: Derzeit leben vier Menschen auf dem Kirchengelände in der Heimstättensiedlung: zwei Frauen und zwei Männer, alle zwischen 20 und 30 Jahre alt, aus Somalia, Eritrea und aus Afghanistan, die Schutz suchen und um Asyl in Deutschland bitten.

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"Die Menschen würden abgeschoben werden, zurück in das Land, wo sie zuerst europäischen Boden betreten haben", erzählt Pfarrer Schwöbel. Das wäre in den Fällen aus der Heimstättensiedlung demnach Italien. Doch dort sei die soziale Situation bescheiden, die Menschen dort würden auf der Straße leben und seien sich selbst überlassen. "Es gibt dort keine Hilfe", weiß der Pfarrer.

Die gibt es in der Heimstättensiedlung. Dort, wo besonders die älteren Siedler im Kontakt mit den Flüchtlingen von heute an ihr eigenes Familienschicksal erinnert werden: an Flucht und Vertreibung. Denn es kamen einst besonders viele Ungarndeutsche nach Darmstadt und ließen sich in der Heimstättensiedlung nieder. "Das haben gerade die Älteren auch in unserer Kirchengemeinde nicht vergessen", erinnert Pfarrer Schwöbel und kann sich daher auf einen stabilen Kreis ehrenamtlicher Unterstützer verlassen. Finanziert wird das Kirchenasyl durch Spenden aus der Kirchengemeinde, auch das Dekanat hat einen Fonds. "Wir wollen dafür sorgen, dass die Geflüchteten hier Geborgenheit und Heimat empfinden", sagt der Pfarrer.

Die Voraussetzungen in der Matthäusgemeinde sind günstig: Die Raumsituation passt, es gibt eine Küche und WCs, Duschen und ein weitläufiges Außengelände am Heimstättenweg: "Bei sommerlichem Wetter können sie auch Sport treiben und sie engagieren sich auch bei anfallenden Gartenarbeiten", berichtet Schwöbel.

Hinzu kommt der Einsatz der Ehrenamtlichen in der Siedlung: Sehr zügig geht es da an den Deutschunterricht, wird das Fahrrad fahren erlernt.

Derzeit leben nach ECHO-Recherchen in drei Gemeinden des evangelischen Dekanats Darmstadt zwölf Menschen im Kirchenasyl. Das katholische Dekanat macht "aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes" überhaupt keine Angaben zum Kirchenasyl - mindestens eine katholische Darmstädter Pfarrgemeinde bietet nach ECHO-Informationen Schutz.

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"Das ist der letzte, legitime Versuch, Flüchtlingen durch zeitlich befristeten Schutz beizustehen, um auf eine erneute Überprüfung ihrer Lage hinzuwirken", beschreibt es Pfarrer Schwöbel. "Den Menschen droht durch eine Abschiebung Gefahr für Leib, Leben oder Freiheit - da ist Kirche gefordert", findet er. Schwöbel weiß aus Erfahrung: "In vielen Fällen gelingt es, Entscheidungen von Behörden zu hinterfragen und ein neues Verfahren zu erreichen, oft sogar ein Bleiberecht." Alle, die in der Matthäusgemeinde im Kirchenasyl waren, hatten ihre Gespräche mit dem zuständigen Bundesamt und erhielten ihre Aufenthaltsgenehmigung für maximaximal drei Jahre.

Flüchtlinge wollen in Deutschland bleiben

Das wünscht sich auch der Mann aus Eritrea, der in der Matthäuskirche sitzt und malt. "Er zeichnet unsere Wandbilder nach", erläutert Pfarrer Schwöbel. "Ein Moslem malt Wandbilder einer evangelischen Kirche ab - das finde ich bezeichnend", sagt Pfarrer Schwöbel. Und der Mann aus Eritrea hat einen Wunsch: "Er möchte bleiben und will hier nicht wieder weg." Wie die anderen drei im Kirchenasyl lebenden Flüchtlinge auch. "Daran wollen wir mitarbeiten", sichert Pfarrer Schwöbel zu.

Von Frank Horneff