Immer mehr kranke Tiere werden im Darmstädter Tierheim abgegeben

Arbeiten im Team: Tierheimleiter Christian Zentgraf, seine Stellvertreterin Bettinia Syffus (rechts) und Vorstandschefin Ulrike Weber.  Im Vordergrund: Zentgrafs 14 Jahre alte Hündin Mia.  Foto: Andreas Kelm

Seit 20 Jahren arbeitet Tierarzt Christian Zentgraf in der Einrichtung und ist nun auf der Suche nach Orten, wo Taubenschläge aufgestellt werden können.

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DARMSTADT. Nur noch selten werden heute Tiere ausgesetzt. In Zeiten von Handy-Kameras traut sich das zum Glück kaum noch jemand. Derzeit sind es eher hohe Tierarzt-Kosten, die dazu führen, dass immer mehr kranke und pflegebedürftige Tiere im Darmstädter Tierheim abgegeben werden.

Tierarzt Christian Zentgraf arbeitet nun schon seit 20 Jahren in der Einrichtung am Alten Griesheimer Weg. Damals kümmerte er sich, gemeinsam mit seinem Team, um etwa 800 Tiere im Jahr, heute sind es mehr als 1500 Tiere, die aufgenommen und aufgepäppelt werden. Doch nicht nur die Zahl der Tiere, auch der gesellschaftliche Anspruch ans Tierheim hat sich im Lauf der Jahre verändert.

Rundum-Garantie auf Gesundheit gibt es nicht

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"Vor 20 Jahren wurde es als eine soziale Tat angesehen, ein Tier aus dem Tierheim zu holen", erzählt Zentgraf, der seit 2009 die Einrichtung leitet. Zwischendurch habe es eine Zeit gegeben, in der die Menschen versuchten, "ein Schnäppchen" zu machen. Heute legten die Halter großen Wert darauf, dass das Tier, das sie aus dem Tierheim holen, zu 100 Prozent gesund ist. "Es gibt da schon ein gewisses Anspruchsdenken", sagt die stellvertretende Tierheimleiterin Bettina Syffus. "Wir versuchen, uns der gesellschaftlichen Situation anzupassen", sagt Zentgraf. Doch es ist eben bei Tieren wie bei Menschen: Eine Rundum-Garantie auf Gesundheit gibt es nicht.

Eines der ersten Projekte, um die sich Zentgraf kümmerte, war ein Konzept für die Versorgung der vielen Katzen. Er sorgte beispielsweise dafür, dass die Tiere bei Bedarf in Quarantäne kamen, geimpft und medizinisch versorgt wurden. "Katzenschnupfen ist heute die Ausnahme - FIP auch", so der Tierarzt. FIP steht für "feline infektiöse Peritonitis", eine durch das Coronarvirus ausgelöste Infektionskrankheit. Wenn es möglich ist, versucht Zentgraf, kranke Tiere an neue Besitzer zu vermitteln und sie ambulant im Tierheim weiterzubehandeln. Ein weiterer Grund für die sinkenden Infektionszahlen sind die Schulungen der Mitarbeiter, sagt Bettina Syffus: Die Tierpflegerin und stellvertretende Tierheimleiterin war vor 19 Jahren Zentgrafs erste Auszubildende.

Verwilderte Hauskatzen werden kostenlos kastriert

Der Tierarzt hat in den vergangenen Jahren viele Projekte angestoßen. Seit 1999 werden verwilderte Hauskatzen kostenlos von ihm kastriert, seit vielen Jahren können Obdachlose ihre Tiere kostenlos im Rahmen des "Underdog-Projekts" behandeln lassen. "Alles was gut ist, boomt", sagt Zentgraf: Die Wildvogelstation zum Beispiel. Auch da läuft die medizinische Betreuung über ihn, das Tierheim ist Annahmestelle und übernimmt auch Verwaltungsaufgaben. Anfangs waren 400 Wildtiere abgegeben worden, heute sind es etwa 800.

Am Herzen liegt Zentgraf seit Jahren das Stadttaubenprojekt. Etwa 3000 bis 5000 dieser Vögel gibt es in Darmstadt, 250 fliegen den Taubenschlag auf dem Karstadt-Dach an. Er wird täglich gereinigt, die Betreuer kontrollieren Nester und tauschen die Eier gegen Attrappen aus, um so die Geburtenrate zu senken. "Wir brauchen noch weitere zehn Schläge", sagt Zentgraf. Er ist auf der Suche nach neuen Plätzen, steht dazu mit Stadt und Umweltamt in Gesprächen. Doch solange die Tauben im Stadtgebiet gefüttert werden, verlaufe das Projekt "unendlich zäh". Unterstützung bekommt Zentgraf von seinem Team. "Wir haben leichte und schwere Zeiten miteinander durchgemacht." Auch der Tierschutzverein sei eine gute Hilfe gewesen. "Wir ziehen an einem Strang", sagt Vorsitzende Ulrike Weber.

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Verein braucht weiter Hilfe von Stadt und Gemeinden

Zentgrafs Wunsch für die nächsten Jahre: Solardächer und eine ökologische Heizungsanlage. Doch da etwa mit Blick auf die künftige ICE-Strecke nicht klar ist, was mit dem Standort passieren will, sind solche Investitionen erstmal nicht möglich. Er hofft aber, dass der Verein mit all seien Projekten künftig weiter so erhalten werden kann und dass es sich Stadt und Gemeinden weiter leisten können, das Tierheim zu unterstützen. "Tolle Ideen zu haben ist das eine", sagt Zentgraf. "Man muss es auch bezahlen können".