Gestresste Darmstädter Stadtbäume in Zeiten des Klimawandels

Im Herrengarten zeigt Michael Gomersky vom Umweltamt, welche Schäden die Bäume durch Hitze und Trockenheit nehmen. Foto: Andreas Kelm

Baumkontrolleur Michael Gomersky zeigt, wie der Klimawandel auch die Stadtbäume in Darmstadt angreift – das hat auch Auswirkungen auf das Stadtbild der Zukunft.

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DARMSTADT. „Das war es jetzt, diese Buche stirbt nun ab“, sagt Michael Gomersky, und seine Zuhörer bei der Erlebnistour im Rahmen der Klima- und Umwelttage in Darmstadt schauen betreten. Der Baumkontrolleur meint eine Buche im Herrngarten, die aufgrund ihrer angestrichenen Rinde ins Auge fällt. Neben dem Weißanstrich wurde mit drei Gewindestangen auch die Krone gesichert. Doch die Bemühungen um den Erhalt des Baumes waren vergeblich. „Ich denke, im Verlauf des nächsten halben Jahres muss er gefällt werden“, sagt Gomersky, der beim Darmstädter Umweltamt für die Baumkontrolle und Naturdenkmäler zuständig ist.

Zunächst sorgte ein sogenannter „Sonnenbrand“ für das Absterben von Ästen, dem Stamm und letztlich der Wurzel. „Ein Einfallstor für den Riesenporling“, so der Experte. Zwar könne die Buche viele Jahre mit diesem Pilz weiter existieren, aber jetzt sei der Schädling am Stammfuß angekommen.

So wie der Buche geht es vielen Bäumen im Darmstädter Stadtgebiet. „Die Bäume sind gestresst“, weiß der Baumkontrolleur. Bei der Tour durch den Herrngarten gibt er den Teilnehmern einen Einblick in seine Arbeit und erklärt, wie Schäden zu erkennen sind, welche Bäume den veränderten Klimabedingungen standhalten, wann sie gefällt werden müssen und wie Artenvielfalt erhalten bleibt. „Baumkontrolleure retten Menschen vor Bäumen und Bäume vor den Menschen“, skizziert Gomersky seinen Beruf schmunzelnd.

Im Grunde eine gute Stadtbaumart ist nach Angaben des Experten die Linde. Problematisch sei hier aber, dass sie einen hohen Austrieb habe. „Das macht sie teuer, da insbesondere an Straßen viel Schnitt benötigt wird“, sagt er. Außerdem machen die Lindenpollen vielen Bewohnern mit Allergien zu schaffen.

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An einer Robinie – die Baumart wurde 2020 zum Baum des Jahres gekürt – macht die Tour Halt. Eigentlich ist sie nicht heimisch, doch Gomersky freut sich über die Art. „So ein hochvitaler Baum kann fünf solcher Hitzesommer überleben. Zusätzlich bietet er gerade im Alter eine hohe Artenvielfalt.“

Trockene und heiße Sommer sind für Bäume ein großes Problem. „Wenn die Temperatur zu hoch ist, fallen die Bäume in eine sogenannte Mittagsdepression“, beschreibt Michael Gomersky. In dieser bringt ein Baum keine Fotosynthese-Leistung. „Es wird kein Kohlendioxid fixiert und kein Sauerstoff abgegeben“, erklärt der Spezialist weiter.

Die Hitzesommer sind problematisch für die gestressten Gewächse, die durch ihre Leistung für das Ökosystem und die Luftkühlung in der Stadt unerlässlich sind. Die Stadtbegrünung der Zukunft bringt viele Herausforderungen mit sich. „Wir müssen uns mit der Baumartenwahl anders aufstellen, auf sehr trockenen und warmen Extremstandorten müssen wir angepasste Bäume verwenden“, weiß Gomersky.

Um im Sommer zu helfen, könnten Anwohner eine Blühpatenschaft für einen Straßenbaum übernehmen, schlägt der Baumfachmann vor. Die Blühpatenschaften können direkt beim Umweltamt übernommen werden. „Einen erwachsenen Baum einfach zu gießen ist sehr schwierig, da das Wasser durch die verdichteten Böden kaum unten ankommt, es sei denn, ein Gießrohr ist eingebaut“, sagt Gomersky zur verschärften Trockenheit.

Zum Ende der Tour zeigt der Baumkontrolleur der Gruppe mit dem Ginkgo ein „lebendes Fossil“. Die Baumart, die schon seit Jahrmillionen überlebt und nahezu unverändert ist, steht vor dem Rondell am Eingang der Schleiermacherstraße – und gilt heute als idealer Stadtbaum.