Gegen Fixierung und Isolation von Psychiatrie-Patienten

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Der Psychiater Volkmar Aderhold fordert in Darmstadt ein Umdenken in der Betreuung von Psychiatrie-Patienten.

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DARMSTADT. Der Patient ist unruhig. Er klopft an die Scheibe des Stationszimmers der Psychiatrie, in dem gerade eine Teamsitzung abläuft. Eigentlich will er ja nur eine Zigarette rauchen und an die frische Luft gehen. Doch der Störenfried wird abgewiesen: Warten Sie, bis wir fertig sind. Wir kommen auf Sie zu. Weil er sich ausgegrenzt und nicht wertgeschätzt fühlt, wirft er eine Tasse gegen die Wand. Er brüllt herum, tobt und wird schließlich gegen seinen Willen an Armen, Beinen und Bauch fixiert.

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Psychiatrie-Patienten am Bett zu fixieren ist keine Lösung, betont der Psychiater Volkmar Aderhold. Foto: Andreas Kelm

Solche durch das „Stationsmilieu“ begünstigte Zwangsanwendungen, erklärt der Psychiater Dr. Volkmar Aderhold, sind vermeidbar. Viele Eskalationen entwickelten sich erst im Rahmen der Behandlung. „Zwang ist Versagen der Behandlung“, betont er. Die Aggression des geschilderten Patienten interpretiert er als Schutzmechanismus, die Reaktion des Personals als „situative Unfähigkeit“. Stattdessen sollten die Mitarbeiter Frühinterventionen verabreden, damit es erst gar nicht zu einem Wutanfall kommt. Im Fall des Patienten heißt dies: Ihm zuhören, ihn erst nehmen, auf seinen Wunsch soweit möglich und so schnell wie möglich eingehen.

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Zwangsmaßnahmen wie Fixierung und Isolierung werden – von Klinik zu Klinik unterschiedlich - bei etwa zehn Prozent der Patienten angeordnet. Offizielle Zahlen liegen nicht vor. Auf Einladung des Caritasverbandes Darmstadt, der seit zwei Jahren mit seinen Veranstaltungen Psychiatrie-Impulse gibt, hält Aderhold, Dozent am Institut für Sozialpsychiatrie der Universität Greifswald, am Montag, 3. Dezember, im Theater im Pädagog einen Vortrag über „Menschenrechte und Psychiatrie in Deutschland“. Aderhold verlangt einen Kulturwandel in der Psychiatrie und eine traumasensitive Behandlung der Patienten. Er gibt zu bedenken, dass 90 Prozent von ihnen belastende traumatische Biographien haben und durch – wie das obige Beispiel zeigt - (aus ihrer Sicht) falsche Reaktionen in die Traumasituation zurückversetzt werden könnten. Zudem behinderten Zwangsmaßnahmen die Vertrauensentwicklung zwischen Patienten und Professionellen.

Aderhold (64), seit 1982 Psychiater, hat in vielen Psychiatrischen Kliniken zwischen München und Wilhelmshaven katastrophale Mängel festgestellt. Er kritisiert sachlich-lieblos eingerichtete Mehrbettzimmer, zu große Stationen, „eingespartes“ Tagesprogramm für Patienten, unzureichende Kompetenz der Mitarbeiter auf vielen Akutstationen und Leasing-Personal als Ersatz für erkrankte Angestellte.

„Das ist vergleichbar einem Zeitarbeiter, der in der Herzchirurgie arbeiten soll“. Die Anzahl der psychiatrischen Betten in Deutschland habe in den letzten Jahren erheblich zugenommen und sei im europäischen Ländervergleich unverhältnismäßig hoch. Das bedeute aber nicht, dass die deutsche Psychiatrie besonders gut sei, sondern lediglich, dass damit gut Geld gemacht werde, meint Aderhold. Fünfzig Prozent der psychiatrischen Kliniken seien privatisiert.

Dass es fast ohne Zwang geht, wenn man die Schwelle zum Zwang erhöht, zeige das Beispiel einer offenen Psychiatrie in Herne mit entsprechend geschultem Personal. Im vergangenen Jahr seien dort nur vier Fixierungen nötig gewesen, während Kliniken in vergleichbarer Größe im Durchschnitt mit fast dreistelligen Zahlen aufwarteten.

Zwischen Patienten und Personal müsse eine Atmosphäre des Respekts und des Vertrauens bestehen, verlangt Aderhold. Er empfiehlt nach holländischem Vorbild die Abschaffung des Stationszimmers, das als Grenze der Macht angesehen wird, die Zusammenarbeit von ambulanten und stationären Teams, die flexibel und multiprofessionell auf seelische Krisen von Patienten reagieren können, und kompetentes Personal, das sich in die Logik eines traumatisierten Menschen hineinversetzen kann. Die Frage an den Patienten laute: „Was müssen wir aus Ihrem Leben wissen, damit wir Sie so gut wie möglich behandeln können? Wo ist die Grenze, an der ich Ihnen nicht zu nahe kommen darf?“

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Aderhold ist überzeugt: „Wir können ganz viel drehen. Nicht der einzelne Mitarbeiter ist das Problem, sondern der Kontext.“ Es sei ein Auftrag an die Politik und die Fachgesellschaften, diese Veränderungen in der Psychiatrie durchzusetzen.