Gefahr droht von zwei Seiten auf Darmstädter Rheinstraße

Vom versuchsweise markierten Radweg auf der Rheinstraße werden Radler am Ende zurück auf den alten Pfad geführt – den sie mit Fußgängern und parkenden Lieferwagen teilen.Foto: Torsten Boor  Foto: Torsten Boor

Es bleibt riskant: Auch mit den neuen Markierungen birgt das Radfahren auf der Rheinstraße Richtung Innenstadt etliche Gefahren. Dicht überholen Pkw, Lieferwagen und Laster...

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DARMSTADT. Es bleibt riskant: Auch mit den neuen Markierungen birgt das Radfahren auf der Rheinstraße Richtung Innenstadt etliche Gefahren. Dicht überholen Pkw, Lieferwagen und Laster die Radler, die den seit Montag geltenden „Schutzstreifen“ zwischen Fahrbahn und parkenden Wagen benutzen. Alternativen dürfen die Radler jetzt auch auf dem Gehweg fahren – aber nur in Schrittgeschwindigkeit, im Slalom zwischen den Passanten. „Gravierende Mängel“ sieht eine der örtlichen Fahrradinitiativen in den jüngsten Nachbesserungen des städtischen Verkehrsversuchs zur „Neuordnung in der mittleren Rheinstraße“. Andere äußern sich dagegen zufrieden mit den neuen Zuständen.

Vom versuchsweise markierten Radweg auf der Rheinstraße werden Radler am Ende zurück auf den alten Pfad geführt – den sie mit Fußgängern und parkenden Lieferwagen teilen.Foto: Torsten Boor  Foto: Torsten Boor
Schilder vor der Grafenstraße sollen Orientierung bieten.Foto: Torsten Boor  Foto: Torsten Boor

Die heftigsten Einwände kommen von Tim Kress. In einem Offenen Brief an Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) listet der Initiator von „Darmstadt fährt Rad“ die kritischen Stellen detailliert auf. Wer sich traue, auf dem neuen, schmalen „Schutzstreifen“ zwischen fahrenden und parkenden Autos zu radeln, gehe Risiken ein: „Von beiden Seiten droht Radfahrern nun Gefahr und schränkt ihren Verkehrsraum ein.“

Legales Überholen ist gar nicht möglich

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In Richtung City-Tunnel rollen die Kraftfahrer zwar nur noch auf einer Fahrspur (statt bisher auf zweien). Aber der Raum neben den Radlern ist nach Ansicht von Kress hier zu schmal: „Ein legales Überholen von Radfahrern ist bei Einhaltung der Sicherheitsabstände nicht möglich“ – doch das geschieht seit Montag ständig.

Als mangelhaft bewertet auch David Grünewald von der Initiative „Radentscheid Darmstadt“ das jüngste Versuchsstadium. Eigentlich müsse ein Fahrzeug einen seitlichen Abstand von 1,50 Meter halten, wenn es einen Radler überholen wolle. Das hätten Gerichtsurteile bestätigt. Doch dafür ist es an der Rheinstraße zu eng, trotz der Umplanung. „Die Stadt plant also, dass der Kraftverkehr den Radverkehr schneidet, wenn er überholt“, folgert der engagierte Radler.

Als heikel sehen beide Initiativen auch die Einmündung in die Saalbaustraße. Dort sind die neuen gelben Striche auf dem Asphalt unterbrochen, der Radweg wird also nicht optisch weitergeführt. Leicht könnte ein nach rechts abbiegender Kraftfahrer die Radler, die weiter geradeaus wollen, übersehen, so die Befürchtung. Grünewald moniert: „Einmündungsbereiche sind die unfallträchtigsten Zonen, ausgerechnet hier unterbricht die Stadt die Führungsform.“ Dieselbe Situation habe man auch auf der Bismarckstraße. Dort waren im November zwei Radler an Einmündungen umgefahren worden und gestorben.

Mehr Rücksichtnahme gefordert

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Einzig Thomas Grän vom Vorstand des Darmstädter ADFC äußert sich auf Anfrage „zufrieden“ mit der kurzfristigen Veränderung am Verkehrsversuch, der seit Ende März läuft. „So hätte der ADFC das auch vorgeschlagen“, sagt der langjährige Rad-Aktivist. Der Oberbürgermeister hatte ihn nach den ersten lautstarken Beschwerden von Radlern zum Austausch gebeten. Die ausgehandelten Änderungen bezeichnete Partsch als eine „gute Lösung“.

Allerdings: Zwischen allen Verkehrsteilnehmern sei nun „mehr Rücksichtnahme gefordert“, sagt Thomas Grän. Die enge Nachbarschaft von Radlern, Fußgängern und Autos findet Tim Kress von „Darmstadt fährt Rad“ indes fragwürdig. In seinem Offenen Brief schreibt er: „Ist diese Strategie der maximalen Mischung der Verkehrsmittelarten wirklich die Lösung, die am meisten Platz spart?“

Das ist wohl eine rhetorische Frage. Denn einen Vorschlag, wie sich Radler, Kraftfahrer und Fußgänger den Straßenraum sinnvoll und sicher teilen können – gut voneinander getrennt – hatte die Initiative schon im Mai 2017 gemacht. Auch die städtischen Verkehrsplaner hatten schon mal andere Vorstellungen. ADFC-Mann Grän erinnert sich, dass ihm Varianten zur Verkehrsführung an der Rheinstraße präsentiert wurden – „davon ist nichts mehr übrig geblieben.“ Der Runde Tisch Radverkehr, bei dem Vertreter der Kommune und der Radverbände ihre Ideen austauschten, hat seit November 2015 nicht mehr getagt. „Der ADFC ist seitdem nie wieder aktiv von der Stadt angeschrieben worden“, um den Rat der Radler einzuholen. Erst jetzt, im Nachhinein.

Zweifel an Sinnhaftigkeit

Dass es bei dem großangelegten Verkehrsversuch vorrangig darum geht, „mehr Sicherheit für Radler und Fußgänger zu schaffen“, wie Verkehrsdezernentin Barbara Boczek (Grüne) erklärt hatte – das bezweifelt Tim Kress. Sein Eindruck: Es gehe „allein um das Testen der Umleitung des Kfz-Verkehrs über Neckar- und Hindenburgstraße“. Tatsächlich steht den Autos eine Spur weniger zur Verfügung auf der Rheinstraße. Um herauszufinden, ob Kraftfahrer vorher abbiegen und sich andere Wege in die Innenstadt suchen – „dazu hätte auch eine Verkehrszählung genügt.“