Friedliche Demo für Toleranz und Vielfalt

Schon am Nachmittag treffen sich rund 2000 Demonstranten auf dem Luisenplatz, um von dort durch die Innenstadt zur Orangerie zu laufen. Foto: Torsten Boor

Mehrere Tausend demonstrieren in der Darmstädter Innenstadt und in der Orangerie, Oberbürgermeister Jochen Partsch setzt ein Zeichen gegen Rassismus und Hetze.

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DARMSTADT. Mit einem Protestzug durch die Stadt und einem "Fest der Vielfalt" in der Orangerie demonstrierten tausende Menschen am Mittwochabend für eine tolerante und weltoffene Stadtgesellschaft. Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) erklärte bei der Eröffnung des Bürgerfestes am frühen Abend: "Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Hetze haben keine Chance in Darmstadt und das wird auch so bleiben." Derweil protestierten viele der Demonstranten direkt vor dem polizeilich abgesperrten Hauptgebäude der Orangerie lautstark gegen eine Wahlkampf-Veranstaltung der AfD. Bis Redaktionsschluss blieb der Protest friedlich.

Auf mindestens 3000 Teilnehmer schätzte die Polizei die Beteiligung am Fest, die Veranstalter sprachen von rund 5000. Sie sind an diesem Abend dem Aufruf eines Bündnisses von 30 Initiativen, Gewerkschaften, Parteien und Kirchen gefolgt. Viele präsentieren sich mit bunten Flaggen und Infoständen auf dem Festgelände am südlichen Ausgang der Orangerie. Dort hält auch OB Partsch seine leidenschaftliche, von viel Beifall begleitete Rede.

Der OB erinnert daran, wie die Massenmorde der Nationalsozialisten ihren Anfang genommen hatten. "Eine Verrohung der Sprache" habe ganz am Beginn gestanden "und die Ausgrenzung derjenigen, die nicht zum völkischen Leitbild der Nazis passten". Heute hätten die Deutschen eine starke Demokratie. "Aber wir dürfen nicht nachgeben, wenn die Verrohung der Sprache an vielen Orten wieder erkennbar ist."

Der OB erklärt auch: "Wir feiern hier nicht ein Fest gegen irgendjemanden." Das empfinden viele Besucher anders. Mit Trillerpfeifen und "Nazis raus"-Sprechchören machen Hunderte vor dem Versammlungssaal der AfD ihrer Wut auf die Populisten Luft. Die Polizei sieht bis Redaktionsschluss keinerlei Anlass einzugreifen.

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Ganze Familien, Jugendliche, aber auch ältere Bürger machen keinen Hehl daraus, dass sie vor allem gekommen sind, um ein Zeichen gegen die Populisten zu setzen. Erika Werner, 92, hat zwei Freundinnen mitgebracht in die Orangerie. "Ich verstehe nicht", sagt sie, "warum so viele alte Leute diese Partei wählen, die haben doch das Dritte Reich erlebt. So was wollen wir doch nicht nochmal haben."

Das hört man auch unter den älteren der rund 2000 Demonstranten, die schon länger auf den Beinen sind. Auf dem Luisenplatz trifft sich gegen 16 Uhr eine Mischung aus Alt und Jung, mit Fahrrad, Kinderwagen, Bollerwagen, Rollator oder Rollstuhl. Viele haben Transparente gemalt, "Für ein Darmstadt ohne Grenzen" steht darauf, "Hass ist krass, Liebe ist krasser". Die Stimmung ist entspannt, Begriffe wie Toleranz, Vielfalt, Solidarität fallen, es wird noch schnell ein Eis gekauft oder eine Plastikflasche mit Wasser. Die Devise für die Demo lautet: keine Glasflaschen, keine Pyrotechnik, keine Gewalt - und kein Marsch über die Straßenbahnschienen.

Das haut nicht hin. Schon am Schloss ist die Straße in Beschlag genommen, in der Holzstraße und Karlstraße wird das auch so bleiben.

"Eine coole Aktion", sagt Paul, der TU-Student. Eine Aktion, die zeigt, "dass es in Darmstadt eine freie Szene gibt und Leute nicht nur reden, sondern auch auf die Straße gehen", ergänzt die Musiklehrerin Jutta. "Es geht um Zukunft, deshalb sind wir da", sagt Pädagogin Charlotte, deren Kita wegen der Demo früher geschlossen hat. Auch Cafés bleiben dicht, wie das in der Weststadt, dessen Belegschaft mit einem Banner Position gegen Rechts bezieht.

In der Karlstraße nimmt die Bewohnerin einer Parterre-Wohnung leere Flaschen entgegen und füllt sie mit kaltem Wasser auf. Die Demonstranten tauschen Sonnenschirme aus, machen Handyfotos vom Protestzug. "Toll ist das", schwärmt TU-Professor Josef Rützel, "es sind ganz viele Schüler und Studenten da." Studenten wie Lara, Leon und Peter, die später am Zaun vor der Orangerie Position beziehen. "So eine tolle Mischung an Leuten", schwärmt Lara. "Ein Tag wie heute zeigt doch, dass es eine große Mehrheit gibt, und zwar gegen Rechts. Das gibt Hoffnung!"