Erinnerung an Familie Karlsberg
Erna führte ein Leben wie alle Mädchen ihres Alters: Sie ging in Arheilgen zur Schule, wurde mit 17 Jahren Lehrmädchen, „aber plötzlich änderte sich alles, plötzlich...
ARHEILGEN. Erna führte ein Leben wie alle Mädchen ihres Alters: Sie ging in Arheilgen zur Schule, wurde mit 17 Jahren Lehrmädchen, „aber plötzlich änderte sich alles, plötzlich spielte es eine Rolle, dass sie Jüdin war“. So berichtet eine Schülerin der Klasse G9a der Stadtteilschule Arheilgen, „da war sie gerade mal zwei Jahre älter als ich.“
In Darmstadt waren nationalsozialistische Tendenzen früh zu spüren; bereits im März 1933 erzielte die NSDAP bei der Wahl 50 Prozent der Stimmen; es kam zu ersten Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. 1934 machte sich Erna Karlsberg deshalb allein auf den Weg nach New York. Die Eltern schickten sie auf eine ungewisse Reise, weil sie sich für ihre Tochter eine lebenswerte Zukunft wünschten.
Martha folgte ihrer großen Schwester vier Jahre später: Sie war 15 Jahre alt, als sie 1938 über Hamburg, die Niederlande und London nach New York floh – ebenfalls ohne Begleitung. Johanna und Leopold Karlsberg, die Eltern der Mädchen, blieben und wurden am 25. März 1942 ins jüdische Ghetto nach Piaski deportiert und später für tot erklärt.
Als die Schüler in der siebten Klasse anfingen, sich im Unterricht mit dem Thema „Judentum in Geschichte und Gegenwart“ auseinanderzusetzen, stießen sie auf die Familie Karlsberg und beschlossen, nicht nur für Johanna und Leopold Stolpersteine im Stadtteil zu verlegen, sondern auch für Erna und Martha, die den Holocaust in Amerika überlebten. „Denn Opfer sind Ermordete wie Verfolgte und Geflüchtete“, sagen die Schüler bei der kleinen Gedenkfeier anlässlich der Stolperstein-Verlegung in der Darmstädter Straße in Arheilgen. Dort hat die Familie Karlsberg einmal gelebt; der Vater verkaufte Schuhwerk mit einem Fuhrwerk und im eigenen kleinen Laden.
Viele Menschen sind zur Verlegung der Stolpersteine gekommen. Anwohner sind da, Interessierte, ehemalige Schüler, die im Hof und bis auf die Straße hinaus stehen. Die Klasse hat im Religionsunterricht mit ihrer Lehrerin Ulrike Volke ein kleines Programm auf die Beine gestellt. „Nicht immer sind Hausbesitzer begeistert, wenn sie hören, dass vor ihrem Haus Stolpersteine verlegt werden sollen“, meint Volke. Im Hof am Haus in der Darmstädter Straße werden die Anwesenden sogar bewirtet.
Sechstklässler spielen auf Blasinstrumenten; die Klasse G9a berichtet über das Leben der Familie; vier Steine werden in das vorbereitete Loch im Gehweg gesetzt, festgeklopft und verfugt. Vier Rosen legen die Schüler zu den Steinen, und alle gemeinsam singen „Die Moorsoldaten“, jenes Lied, das Häftlinge des Konzentrationslagers Börgermoor (Emsland) 1933 verfassten.
„Erinnern – warum?/Ich bin nicht schuldig!/Ich kenne niemanden ... will unbelastet in die Zukunft gehen”, zitieren Frauke, Robin, Philip und Merle aus einem Gedicht. Dabei gibt es immer noch Vertreibung und Flucht. Auch Sara gehört inzwischen zur G9a, die Kuchen gebacken und verkauft hat, um die Stolpersteine spenden zu können. Sie ist vor einem Jahr aus Syrien geflüchtet.
Mit Blumen aus Eberstadt
Natürlich gehe sie die Vergangenheit etwas an, bemerken Lotta und Ismail später. „Ausgrenzung passiert noch heute.“ Die Adresse der vermutlich schon verstorbenen Schwestern konnten sie nicht ausfindig machen, sonst hätten sie Kontakt aufgenommen. „Ich bin verantwortlich, was sein wird, nicht was war“, endet das Gedicht, „hoffentlich erinnern wir uns“.
Zwei Schwestern der evangelischen Marienschwesternschaft sind mit Blumen aus Eberstadt zur Feier gekommen, Schwester Laurentia sagt am Rande: „Erinnern reicht nicht, die Menschen müssen sich ändern.“