Einkauf mit dem Lastenfahrrad in Darmstadt: Ein Erfahrungsbericht

Platz für jede Menge Einkäufe bietet der Laderaum des "Schoppe-Schlepper", wie unser Autor bei seinem Test feststellen kann.  Foto: Andreas Kelm

Seit dem 26. März gibt es in Darmstadt beim Projekt Heinerbike die Möglichkeit, kostenlos ein Lastenfahrrad für ein bis drei Tage auszuleihen. An fünf Stationen steht nach...

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DARMSTADT. Seit dem 26. März gibt es in Darmstadt beim Projekt Heinerbike die Möglichkeit, kostenlos ein Lastenfahrrad für ein bis drei Tage auszuleihen. An fünf Stationen steht nach Online-Buchung jeweils ein Rad des niederländischen Herstellers Bakfiets zur Verfügung. Wir haben getestet, wie das System funktioniert und vor allem: Wie fährt es sich mit einem Lastenfahrrad - unbeladen und beladen? Ein Erfahrungsbericht.

Am Anfang steht die problemlose Internet-Registrierung unter www.heinerbike.de. Nach Angabe von Name, Telefonnummer und Adresse gebe ich noch ein zwölfstelliges Passwort ein und mache mich an die Buchung. Auf der Website sieht der Nutzer, wo die insgesamt fünf Lastenräder stehen und wann sie frei sind. Der Andrang ist derzeit groß. Bis Ende Mai sind die Räder ausgebucht.

Jetzt ist es so weit: Im Darmstadt-Shop am Luisenplatz zeige ich meinen Ausweis vor, nenne das Codewort für meine Buchung, das ich per Mail bekommen habe, unterschreibe das Ausleihformular und bekomme eine kleine Holzkiste, in der Akku, Ladegerät und ein laminiertes DIN-A-4 Blatt mit wichtigen Hinweisen liegen.

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Draußen steht der "Schoppe-Schlepper" bereit. Andere Räder heißen - ebenfalls alliterationsinspiriert - Einkaufs-Esel, Krembel-Karren, Flohmarkt-Flitzer und Lincoln-Lader. Holzkiste und Kette, mit dem das Rad am Fahrradständer angekettet war, verschwinden im Laderaum - eine offene Holzkiste, die mit einer orangefarbenen Abdeckung verschlossen werden kann.

Dank Motorunterstützung geht es gut voran

Das Anfahren mit dem 2,55 Meter langen Gefährt macht mir als geübtem Radler leichte Probleme. Die Lenkausschläge zum Ausbalancieren sind anfangs zu heftig: Das gefühlt unendlich weit entfernte Vorderrad bewegt sich um fast 90 Grad nach rechts oder links. Wie soll man da heil über den belebten Luisenplatz kommen, ohne Fußgänger zu verletzen?

Nach ein paar Metern gelingt es aber, Spur und Richtung zu halten. Hilfreich ist der Rat, nicht auf das Vorderlicht als Orientierungspunkt zu schauen, sondern in die Ferne. Auf zum Getränkemarkt.

Die Rollenbremsen reagieren etwas träger als die des eigenen Rades und an der Kreuzung Rheinstraße/Grafenstraße warte ich stadtauswärts vorsichtshalber lieber ab, bis die ebenfalls neben mir an der Ampel stehenden Fußgänger den Zebrastreifen passiert haben, bevor ich losfahre. Die Sieben-Gang-Nabenschaltung lässt sich mit dem Drehgriff gut bedienen und dank der elektrischen Unterstützung des Motors - in drei unterschiedlich starken Stufen bis Tempo 25 - geht es gut voran.

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Nach dem Einkauf kommt der Härtetest. Ich klappe die schmale Bank für Kinder - Anschnallgurte sind vorhanden - hoch und verstaue auf der 72 Zentimeter langen und 45 Zentimeter breiten Grundfläche sechs in Folie eingeschweißte 1,5-Liter-Mineralwasserflaschen, einen großen (20 Flaschen) und einen kleinen (11 Flaschen) Bierkasten sowie zwei Plastiksäcke mit jeweils 35 Liter Blumenerde. Die zulässige Höchstlast von 80 Kilogramm dürfte damit zwar noch nicht erreicht sein, aber die elektrische Hilfe des Motors - unbeladen auf ebenen Straßen nicht unbedingt nötig - ist jetzt unerlässlich. Einmal in Schwung muss ich natürlich längere Bremswege einplanen. Aufrecht sitzend fährt es sich sehr entspannt - solange man nicht ausweichen muss. Ist das eigene Rad ein bewegliches Schnellboot, fühle ich mich nun wie ein Tanker-Kapitän.

Zuhause wird die Ladung ins Haus getragen und der Blick fällt auf die beiden Edelstahl-Stühle, bei denen jeweils eine Stoffnaht aufgeplatzt ist. Warum nicht die Gelegenheit nutzen, sie zum Polsterer zu bringen? Die sperrigen Stühle schnalle ich mit Gummispannern fest und mache mich erneut auf den Weg - diesmal nach Bessungen. Die Bergauf-Strecke macht weniger Probleme - man ist ja motorisiert - als die Straßenbahn. Jetzt bloß nicht mit dem Vorderrad in die Schienen geraten, die ich wegen des Laderaums nicht genau sehen kann.

Ein guter Baustein für die Verkehrswende

Mit leerem Gepäckabteil geht es über die Wilhelminenstraße - eine ausgewiesene Fahrradstraße - zurück zur City. Das schwere Lastenrad den Wilhelminenbuckel runter schieben und dann mit dem langen Gefährt durch die Fußgängerzone zur Abgabestation am Luisenplatz fahren? Alternativen?

Das ist der Punkt, an dem sich die Erkenntnis aufdrängt: Lastenräder sind ein guter Baustein für die Verkehrswende, aber ohne gescheite, sichere Fahrradwege ist bei Heinerbike noch viel Luft nach oben.