Ein Nest für gestrandete Vögel

Lisa Stallzus ist die Leiterin des Tier- und Naturschutzprojekts „Die Feder“. Einer ihrer Neuzugänge in der Vogel-Auffangstation ist der kleine Elster-Ästling, der auf der Straße gefunden wurde. Foto: Andreas Kelm

Lisa Stallzus betreibt in Darmstadt die Wildtierauffangstation „Die Feder“. Bei ihr landen in jedem Sommer etwa 500 Spatzen, Elstern, Tauben, Krähenvögel, Mauersegler und...

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DARMSTADT. Was tun, wenn Tiere in Not sind? Ein Anruf im Tierheim ist da nie verkehrt. Wenn es sich um Vögel handelt, bitten die Tierheim-Mitarbeiter Lisa Stallzus um Hilfe, die am Rande des Oberfelds eine Wildtier-Auffangstation betreibt. Rund 50 Vögel beherbergt Lisa Stallzus derzeit, darunter Elstern, Tauben und Krähenvögel. Neuzugang ist ein Spatz, gerade so groß, dass er auf ihre Handfläche passt. „Er ist wahrscheinlich aus dem Nest gefallen, eine Frau aus Nauheim hat ihn in ihrem Garten gefunden“, erzählt sie.

Doch nicht jedes Tier, das sich am Boden befindet, ist in Not, weiß die Expertin. „Hilfe brauchen Vögel nur, wenn sie nackt oder nur teilweise befiedert sind oder wenn sie tagsüber auf dem Brustbein liegen.“ Sofern ein Vogel nicht verletzt oder apathisch sei, weitestgehend Federn habe und auf dem vollen Fuß stehe, könne man davon ausgehen, dass die Vogeleltern wiederkämen, um den Ästling zu füttern.

So gut sie sich mit Tieren auskennt – gelernt hat die 45-Jährige ursprünglich etwas ganz anderes: „Ich habe eine Ausbildung zur Fremdsprachen-Korrespondentin gemacht, diesen Beruf aber an den Nagel gehängt, als ich immer mehr mit Tieren zu tun bekam.“ Sie ließ sich als Tierheilpraktikerin ausbilden und hat seitdem mehrere Weiterbildungen absolviert. „Ich brenne für Tiere“, sagt Stallzus. Besucht man sie im Osten Darmstadts, ist das sofort ersichtlich: Mehrere Hunde tummeln sich auf dem Gelände, Spatzen bevölkern die Vogelhäuschen, in den acht Volieren hinter dem Haus flattert und piepst es.

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Hochsaison in der Vogelnotrettung, die sie ehrenamtlich betreibt, ist im Juli. „Wenn es so heiß ist wie jetzt, habe ich oft mehr als 15 Neuzugänge am Tag“, berichtet die Tierschützerin. Unter den geretteten Vögeln seien dann viele Schwalben oder Mauersegler – Vogelarten, die an Häusern brüten und in deren Nestern es bis zu 80 Grad Celsius heiß werden kann. „Die Küken springen aus lauter Verzweiflung aus den Niststätten und liegen dann hilflos am Boden.“

Außerhalb seines Nestes wurde ein weiterer Schützling gefunden: ein rund drei Wochen alter Elster-Ästling, der laut Stallzus so bezeichnet wird, weil er das elterliche Nest verlassen hat, um am Boden seine Muskulatur aufzubauen. „Das ist immer eine heikle Zeit, denn die Vögel sind flugunfähig und hilflos.“ Normalerweise würden sie von den Eltern gefüttert, „dieser hier aber wurde an einer Straße gefunden, weit entfernt vom nächsten Baum“. Gefunden hat den Ästling ein Kollege, der auf Fledermäuse spezialisiert ist. „Als er mir die Elster brachte, habe ich ihm eine Fledermaus mitgegeben, die jemand bei mir abgegeben hatte“, erzählt Stallzus. „Laut der Sachkundeprüfung dürfen wir nicht alles aufnehmen“, erklärt sie. Für die Prüfung, die notwendig ist, um als Wildtierauffangstation staatlich anerkannt zu werden, hatte sie sich entschieden, nachdem klar war, dass sie das Ganze professionell machen möchte.

Seit Anfang 2017 leitet Lisa Stallzus nun in Kooperation mit dem Tierheim Darmstadt das Tier- und Naturschutzprojekt „Die Feder“. Spender können jetzt unter dem Kennwort „Die Feder“ Geld an das Tierheim überweisen, um sie zu unterstützen. Die Tiernotrettung, betont Stallzus, lässt sich nicht als Einzelkämpfer stemmen: „Man muss miteinander arbeiten, sonst geht man unter.“ Dieses Netzwerken funktioniere in Südhessen sehr gut. Insgesamt drei Stationen arbeiteten eng zusammen, ein jeder auf seinem Fachgebiet.

Warum sie sich in der Wildtierrettung engagiert, weiß Lisa Stallzus klar zu beantworten: „Ich kann nicht tatenlos mit ansehen, wie wir dabei sind, die Welt mit Tempo 180 an die Wand zu fahren. Ich kann mich beschweren oder etwas tun. Und ich tue eben was.“ Ihr ganzes Leben lang seien ihr Vögel praktisch vor die Füße gefallen: „Schon als Jugendliche habe ich hin und wieder mal eine Amsel oder ein Spätzchen großgezogen.“

Aktuell versorgt sie pro Saison, von Februar bis Oktober, rund 500 Tiere. Im Winter, wenn es ruhiger geworden ist, will sich Stallzus wieder ihrem eigentlichen Beruf widmen, weitere Fortbildungen besuchen. Doch bis dahin dreht sich alles um ihre Wildtiere. Allen, die Vögeln etwas Gutes tun wollen, rät sie: „Eine Schale mit Wasser und ein paar Steinen rausstellen – dafür sind die Tiere dankbar, denn es ist viel zu trocken.“

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Von Miriam Gartlgruber