Ein Darmstädter Heim auf 3,2 Quadratmetern

Vier Wände, Tür, zwei Fenster - das "Little Home" bietet Obdachlosen eine Bleibe. Foto: Andreas Kelm

Die Darmstädter Johannesgemeinde finanziert aus Spenden ein "Little Home" für Obdachlose. Auf dem Johannesplatz wurde es aufgebaut.

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DARMSTADT. Sägen kreischen, Akkuschrauber surren. Auf dem Johannesplatz baut ein Obdachloser aus Köln mit sieben Männern und Frauen ein Häuschen auf. Gerhard Schnitzspahn, Pfarrer der Johannesgemeinde, stellt eine Kamera auf und filmt, wie aus Kanthölzern, Styropor- und Spanplatten ein sogenanntes "Little Home" montiert wird. "Little Homes" sind kleine Häuschen, gedacht für Menschen ohne Dach über dem Kopf. Drei gibt es schon in Darmstadt, das vor der Kirche wird das vierte.

"Ich habe Sven Lüdecke vom Verein 'Little Homes' bei Stern TV gesehen", erklärt der Pfarrer, wie es dazu kommt, dass am Samstag ein 3,2 Quadratmeter großes Häuschen mit abschließbarer Tür und zwei Fenstern entsteht. "Wir hatten Passionsandachten, und in der Zeit fördern wir ein Projekt aus dem sozialdiakonischen Bereich", erklärt der Pfarrer. Innerhalb von sieben Wochen sei der Betrag für ein "Little Home" zusammengekommen. Das in Baumärkten erhältliche Material kostet rund 1380 Euro.

Heizung sind die Körperwärme

"Ich muss nicht mehr überlegen, wo ich meine Sachen verstecke", erklärt Patrick Jensen (39), Obdachloser aus Köln, was ihm sein "Little Home" bringt. Die Holzbauten werden den Obdachlosen über einen Vertrag überlassen, sie zählen nicht als Vermögen. "Das ist dann deins", erläutert der 39-Jährige, weswegen er mit dem kleinen Häuschen auch vorsichtig umgehe. Offizielle Obdachlosenunterkünfte mag er nicht. "In einer Unterkunft liegt man zu acht oder zu zehnt in einem Raum", schildert Jensen, da werde zu viel geklaut.

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Da die Häuschen keinen Strom haben, geben Akkulampen oder Kerzen Licht. Heizung sind die Körperwärme und gegebenenfalls Kerzen in Tontöpfen. Bei minus 14 Grad habe man mal in Berlin so plus 16 Grad im Inneren erreicht, schildert Sven Lüdecke vom Verein "Little Home".

Lüdecke kennt jeden Bewohner der inzwischen 117 über ganz Deutschland verteilten Häuschen. 51 hätten inzwischen richtige Wohnungen bekommen und 43 einen Job, erzählt Lüdecke. Ein "Little Home" gebe den Bewohnern Zeit, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen, anstelle laufend eine Unterkunft suchen zu müssen, sagt er.

"Das ist genug Platz"

"Wir sind kein richtiges Zuhause", beschreibt Sven Lüdecke die Projektgrenzen. Wohnungen seien eine kommunale Aufgabe. Auch könne man keine professionelle Unterstützung bei der Wiedereingliederung leisten. "Wir sind keine Sozialarbeiter." Nachdem die Wände montiert sind, hat man einen ersten Eindruck. Schmal ist das Haus, nur etwa 1,3 Meter breit. "Das ist genug Platz", versichert Patrick Jensen. Den künftigen Besitzer und Bewohner sucht der Verein aus, das Häuschen wird auf einem Privatgrundstück aufgestellt. "Wir haben von der Diakonie die Zusage, dass sie sich um den neuen Bewohner kümmert", blickt Pfarrer Schnitzspahn voraus.

"Wir als Diakonie sehen das höchst kritisch", sagt Nicole Frölich, Leiterin der Wohnungslosenhilfe des Diakonischen Werks Darmstadt-Dieburg. "Menschen gehören in Wohnungen", findet sie. Sie sieht die 3,2 Quadratmeter, auf denen Schlafplatz, Feuerlöscher, Chemieklo und der persönliche Besitz Platz finden sollen, als zu klein an. Auf der anderen Seite sei es natürlich besser, als ungeschützt draußen zu schlafen, wägt sie ab. "Wir lassen die Menschen natürlich nicht alleine", betont die Leiterin der Wohnungslosenhilfe. "Dazu müssten wir aber auch wissen, wo die Little Homes stehen", weist Frölich darauf hin, dass der Diakonie bislang keine Standorte mitgeteilt worden seien.