Drei Jahre nach dem Kranichsteiner Tochtermord: Imam sucht mit...

Afaq Ahmad, Imam der Ahmadiyya-Gemeinde. Foto: Andreas Kelm

Wenn geplante Hochzeiten abgesagt werden, ist das normalerweise kein Grund zur Freude. Es kann aber gleichwohl von einer guten Entwicklung zeugen. So sieht es jedenfalls Afaq...

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DARMSTADT. Wenn geplante Hochzeiten abgesagt werden, ist das normalerweise kein Grund zur Freude. Es kann aber gleichwohl von einer guten Entwicklung zeugen. So sieht es jedenfalls Afaq Ahmad. Der gebürtige Emsländer, Sohn pakistanischer Zuwanderer, ist seit anderthalb Jahren Imam der Darmstädter Ahmadiyya-Gemeinde.

Diese Gemeinde hat vor drei Jahren einen tiefen Einschnitt erlebt, als ein ihr angehörendes Ehepaar in Kranichstein die eigene 19-jährige Tochter ermordete, weil die sich ihre voreheliche Liebesbeziehung zu einem Studenten nicht verbieten ließ. Die Schockwellen der ungeheuerlichen Tat erschütterten die Ahmadiyya-Glaubensgemeinschaft in ganz Deutschland.

Gespräche vor jeder Hochzeit sind Pflicht

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Ins Zentrum des Bebens, nach Darmstadt, wurde der damals 26 Jahre alte Afaq Ahmad entsandt. Der verheiratete Vater einer Tochter hatte kurz zuvor sein Studium am Ahmadiyya-eigenen Institut für islamische Theologie in Riedstadt abgeschlossen.

"Wir haben danach verschiedene Projekte gestartet", sagt Ahmad. Dazu gehört ein intensives Gesprächsprogramm vor jeder Eheschließung: mit Braut und Bräutigam, mit deren Eltern und mit allen gemeinsam. Diese Gespräche seien innerhalb der Glaubensgemeinschaft seit dem Kranichsteiner Mordfall bundesweit verbindlich, erklärt Ahmad. "Dabei wird den Eltern erklärt, dass zwangsweise Verheiratungen der Kinder von der Lehre des Islams her nicht geduldet werden können." Die Brautleute würden befragt, ob die Eheschließung tatsächlich ihr freier Wille sei. "Wenn dies nicht der Fall ist, dann ist es die Aufgabe des Imams, sofort mit den Eltern zu sprechen, damit die Zwangsehe nicht zustande kommt." Die vorläufige Bilanz: "Die Gnade Gottes hat bewirkt, dass diese Gespräche sehr viel bewirken", sagt der Darmstädter Imam. Schon mehrfach seien Eheschließungen in der Folge abgesagt worden.

Die Ahmadiyya-Gemeinschaft hatte gute Gründe, nach dem Mord an der jungen Kranichsteinerin Lareeb ihre Haltung und Strukturen zu überdenken. Im Prozess am Landgericht Darmstadt war deutlich geworden, dass die Gemeinde bei dem tragischen Geschehen eine ungute Rolle spielte. Der Vorsitzende der deutschen Ahmadiyya-Gemeinde, Abdullah Uwe Wagishauser, hat vor Gericht eingeräumt, dass die Auswahl der Ehepartner durch die Eltern zwar kein Gebot der Religion, aber eine in der Gemeinschaft weit verbreitete Praxis sei. Dem jungen Paar habe man unmissverständlich deutlich gemacht, dass ein Kontakt unverheirateter Männer und Frauen keinesfalls gebilligt werde. Ein Hilferuf Lareebs per E-Mail an Wagishauser, in der sie über Todesdrohungen ihrer Eltern berichtete, wurde von diesem nicht ernst genommen.

Direkte Weisung vom Kalifen

Als klar wurde, dass die Verliebten nicht voneinander lassen wollten, drängte die Geistlichkeit bis hin zum religiösen Oberhaupt in London, Kalif Mirza Masrur Ahmad, auf sofortige Verheiratung. Weitere Treffen der jungen Leute ohne Trauschein könnten keinesfalls geduldet werden, hieß es.

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Der Vater des Studenten verweigerte jedoch seine Erlaubnis zur Eheschließung. Am Ende erwürgte Lareebs Vater im Beisein der Mutter die 19-Jährige, weil die Eltern ihre eigene Verstoßung aus der Gemeinde fürchteten. Diese Sorge war offenbar nicht unbegründet. Im Prozess sagte Wagishauser, die Eltern hätten sich von der ungehorsamen Tochter lossagen müssen, um einen Ausschluss zu vermeiden: "Wenn mein Glaube mir wichtig ist, entscheide ich mich für das eine oder das andere." Drei Jahre nach dem Mord klingt vieles anders bei der Darmstädter Ahmadiyya-Gemeinde. Zeichen eines echten Umdenkens? So ist es, sagt der heute 27 Jahre alte Imam. Sein Grundsatz: "Wir können nur den Weg zeigen. Es ist die Entscheidung der Gläubigen selbst, ob sie diesem Weg folgen. Es gehört im Leben dazu, Fehler zu machen."

Das gelte auch für unverheiratete Paare, versichert Ahmad. "Der Islam gebietet, dass Gläubige die Keuschheit wahren. Ob sich aber Paare allein treffen, ist ihnen selbst überlassen. Es gibt keine Regel, dass immer jemand dabei sein muss." Verstoßen würden Gemeindemitglieder wegen heimlicher Treffen nicht - ebenso wenig wie wegen Alkoholgenusses. Neben den Gesprächen vor einer geplanten Hochzeit lädt der Imam mehrmals im Jahr zu Elternabenden ein, bei denen nach seinen Worten ausführlich über Themen wie arrangierte Ehen gesprochen wird. Er mache dabei deutlich, dass dies nach der islamischen Lehre nicht erwünscht sei.

Zu den Jugendlichen in der Gemeinde versucht der junge Imam ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Jeden Montag lade er sie zu Gesprächsrunden ein. Ihm sei bewusst, erklärt Afaq Ahmad, dass er die Wahrheit über drohende Zwangsverheiratungen nur dann erfahren wird, wenn die Betroffenen ihm vertrauen. "Wenn ich so etwas höre, dann setze ich mich sofort ein, bitte die Eltern zum Gespräch und erkläre ihnen die Lehre des Islams." Ist das Umdenken innerhalb der Gemeinde glaubwürdig? "Der Ehrenmord von Darmstadt war für Ahmadiyya in der Tat ein Schock", sagt Susanne Schröter. Die Ethnologie-Professorin, Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam, hat seither mit einigen Angehörigen der Glaubensgemeinschaft gesprochen. Diese hätten einhellig erklärt, dass sich Dinge ändern müssten, damit so etwas nicht noch einmal geschehen könne. "Es gibt ein Problembewusstsein - auch weil durch die Tat der gute Ruf in der Öffentlichkeit zerstört wurde. Der ist den Ahmadiyyas sehr wichtig."

Als "sehr abgeschlossen, sehr hierarchisch organisiert und sehr konservativ" kennt Schröter die Ahmadiyya-Gemeinschaft. "Es gibt keine andere Organisation, die die Trennung der Geschlechter so hart durchzieht." Bekannt sei allerdings auch, dass Bildung eine wichtige Rolle spielt. Auch junge Frauen würden dazu ermutigt. Positiv vermerkt die Islam-Forscherin die Bereitschaft, sich Debatten zu stellen: "Die Ahmadiyyas sind sehr diskussionsbereit und bleiben auch bei Kritik erfreulich gelassen und sachlich." Wenn die verbreitete Praxis arrangierter Ehen sowie die strikte Geschlechtertrennung neuerdings etwas aufgeweicht würden, wie es in Darmstadt zu hören ist, "würde mich das freuen", sagt Susanne Schröter. Belegt sei dies jedoch noch nicht.