Dieter Eitel im Interview über Inklusion in Darmstadt

Gemeinsam neue Höhen erkunden: Das machen Förderschülerinnen und Gymnasiastinnen regelmäßig in der Kletterhalle des DAV an der Lichtwiese. Die wiederholten Kletter-Treffen zwischen dem Justus-Liebig-Gymnasium und der Christoph-Graupner-Schule sind eine der vielen Darmstädter Beispiele von Inklusion jenseits des Klassenzimmers.  Archivbild: Andreas Kelm

Wie behinderte Kinder ins Leben starten, wie sie teilhaben können an Bildung und am Berufsleben, das wird seit Einführung der Inklusion in Hessen vor knapp zehn Jahren...

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DARMSTADT. Der "Tag der Menschen mit Behinderung" am 3. Dezember, ausgerufen von der Weltgesundheitsorganisation WHO, lenkt den Blick auch auf die jüngsten Bürger in den Kommunen. Wie behinderte Kinder ins Leben starten, wie sie teilhaben können an Bildung und am Berufsleben, das wird seit Einführung der Inklusion in Hessen vor knapp zehn Jahren leidenschaftlich diskutiert. Kaum jemand hat das so genau verfolgt wie Dieter Eitel, gelernter Förderschul-Lehrer und seit 1999 Fachmann für Sonderpädagogik am Staatlichen Schulamt in Darmstadt. Ein Gespräch über erfolgreiche Autisten in der Regelschule, engagierte Eltern und eine Schule, die dringend einen Systemwechsel braucht.

Herr Eitel, was haben knapp zehn Jahre Inklusion in Hessen den Kindern gebracht?

Die Inklusion bringt vor allem den Regelschulkindern etwas. Sie kommen in Berührung mit Kindern, die anders sind. Sie lernen, dass unsere Gesellschaft vielfältig ist. Diese Vielfalt bildet sich jetzt stärker in den Klassen ab. Kinder lernen schon in der Grundschule, das zu akzeptieren. Das erhöht für die Behinderten auch die Chancen auf Teilhabe.

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Und was hat es für die behinderten Kinder gebracht?

Ein geistig unterentwickeltes Kind, das beispielsweise sonst eine Förderschule besuchen würde, hat hier die Chance, in seiner Klasse Freundschaften mit nicht behinderten Kindern zu schließen. Sie bekommen andere Anregungen. Die anderen sind für sie auch ein Vorbild - da überlegen Sie sich: Das will ich auch mal probieren!

Trotzdem passt es nicht für alle Kinder.

Stimmt, aber manchmal staunt man: An einigen Regelschulen lernen sogar schwerst mehrfach behinderte Schüler mit den anderen. Die Grundidee von 2009 hatte ja gesellschaftspolitischen Anspruch. Es ging um die Schere im Kopf: Niemand sollte von vornherein ausschließen, dass ein Kind auch eine Regelschule besuchen kann. In Stadt und im Landkreis haben wir zurzeit 28 Kinder in der Inklusion; das sind in der Regel Kinder mit Down-Syndrom, Schüler mit bestimmten Formen des Autismus und Kinder, bei denen man die Ursachen für ihre Lernbehinderung nicht genau bestimmen kann. Oft sind es die Kinder, die in einer Förderschule für geistige Entwicklung zur Spitze gehört hätten.

Die fehlen den Klassenkameraden jetzt als wichtige Stütze, sagen manche Förderschullehrer. Die schwierigen Fälle bleiben zurück, weil nicht inklusionsfähig.

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Klar, wenn die guten Schüler da rausfallen, dann sitzen in der Förderschule vor allem noch hoch autistische Kinder im Klassenzimmer und solche mit anderen schweren geistigen Behinderungen. Die Lernhilfeschulen bräuchten gerade in Zeiten der Inklusion eine bessere Ausstattung, Lernen in kleineren Gruppen, mehr Unterstützung. Aber auch in der Regelschule muss sich das System ändern.

Die Ausstattung mit Lehrern und Teilhabe-Assistenten ist dort doch so gut wie nie, sagt das Ministerium.

Das stimmt, allein in unserem Aufsichtsbereich gibt es 158 solcher Stellen. Als wir angefangen haben mit dem gemeinsamen Unterricht, waren es 32. Aber was vergessen wurde, ist das System wirklich auf die neue Schülerschaft auszurichten. Man hat den Grundschulen gesagt: Ihr nehmt diese Kinder, ihr bekommt dafür stundenweise ein paar Förderschullehrer und dann macht mal! Das funktioniert nicht. Sonderpädagogik kann nicht nur ein Anbau sein, die Schule muss komplett umgebaut werden.

Wie müsste dieser Bau ausgestattet sein, damit er trägt?

Wenn es um das Prinzip der Gleichbehandlung geht, darf es für kein Kind eine Nicht-Versetzung geben. Auch die Notengebung muss angepasst werden - nicht dass die einen eine Eins bekommen, das Kind mit geistiger Entwicklung aber als einziges eine schriftliche Bewertung. Sowas sollte es für alle Kinder geben. Und die Lehrer brauchen Entlastung. Für die Koordination, für die ganzen Absprachen mit Förderschullehrern, Sozialarbeitern, Ärzten müssen sie feste Stunden in ihrer Kernarbeitszeit haben.

Alle Grundschulen berichten über die Zunahme von Kindern mit auffälligem Verhalten. Was kann die Inklusion für die erreichen?

Da kommen wir an Grenzen. Der Anteil an Kindern mit solchen emotional-sozialen Entwicklungsstörungen nimmt extrem zu. Dazu kommt: Oft sind die Eltern alleinerziehend; die drängen besonders darauf, dass ihr Kind an eine Regelschule gehen kann. Diese Eltern sind sowieso schon am Anschlag in ihrem Alltag, dann macht noch das Kind Probleme in der Schule...

Welche Probleme sind das?

Sie rennen aus der Klasse raus, schreien rum, bespucken und schlagen Mitschüler. Sie sind oft nicht fähig, selbst in Kleingruppen zu lernen. Da kann die Schule den Unterricht nicht gewährleisten, selbst wenn ein Teilhabe-Assistent daneben sitzt, der sich nur um dieses eine Kind kümmert. Selbst an den Förderschulen haben manche Probleme. Diese Kinder sind unser Inklusionsproblem.

Wie erklären Sie sich diesen Trend?

Viele Familien sehen heute anders aus. Es gibt mehr Einzelkinder, mehr alleinerziehende Eltern. Und viele bildungsferne Haushalte, wo die Eltern mit der Mediennutzung ihrer Kinder überfordert sind. Da wirken die Erwachsenen hilflos, und die Kinder leiden dann unter der Reizüberflutung. Kindheit hat sich in den letzten 15 Jahren stark verändert. Und damit auch die Schülerschaft.

Das Interview führte Thomas Wolff