Die Darmstädter lassen es überall sprießen

Körnchenweise füllen Anastasia Weller und der achtjährige Tim Kürbis-Saaten in Tüten – Feinarbeit während der jährlichen Saatgut-Tauschbörse der Initiative „Essbares Darmstadt“. In der Klause am Hauptbahnhof treffen sich Dutzende Freunde von Blumen, Kräutern und Gemüse. Foto: Andreas Kelm

Der Andrang auf der „Saatgut-Börse“ am Hauptbahnhof wächst – dort werden inzwischen auch essbare Exoten getauscht.

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DARMSTADT. Frühlingstemperaturen mitten im Februar, draußen leuchten schon überall frühreif Krokusse und Narzissen um die Wette – war’s das jetzt etwa schon wieder mit dem Winter? In der Klause am Hauptbahnhof ist jedenfalls Aufbruchsstimmung zu spüren – oder treffender Einsaatstimmung: Im kleinen Seitenraum des Gebäudes drücken sich die Leute eng aneinander vorbei, kruscheln durch Tütchen voller Saatgut, stöbern in den Schubladen des wandgroßen Samenschranks.

Mindestens 250 Sorten – so schätzt Adrian Jost von der Initiative „Essbares Darmstadt“ den Grundbestand bei der Saatguttauschbörse, zu der die ehrenamtlichen Pflanzaktivisten am Sonntagnachmittag zum Saisonbeginn geladen haben. Dabei verweist der Biologe freudig auf eine lange Liste mit dem Samenbestand, die sie erstmals angefertigt haben. Darauf exorbitante Entdeckungen, wie die exotische Papageienblume oder das Zungenbrechergewächs „Quilquima“, ein bolivianischer Koriander.

Und schon schaltet sich Carlos ein: „Das ist ganz toll für Salsa“, erläutert der Wahl-Darmstädter aus Peru, zum ersten Mal bei der Börse dabei und stark begeistert: „Wunderbare Idee!“ Sonst kaufe er Samen meist im Supermarkt. Aber hier kann er auch selbst zum Anbieter werden. Mitgebracht hat der Hobbygärtner etwa Samen für eine essbare Tagetes-Art oder Cherimoya.

Bei dem Stichwort horcht Rose daneben auf und schwärmt los: „Cherimoya!“ Das sei eine ganz tolle Frucht, von außen sehe sie aus wie eine Artischocke, sei innen weiß und sehr süß. „Die muss ich unbedingt mitnehmen“, ruft die Besucherin aus Heidelberg, und im nächsten Moment fingert Samenspender Carlos für sie die letzten Kapseln aus einem Tütchen.

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Nicht nur sie wandern am Ende des Tauschbörsenbesuchs mit Rose zurück nach Baden-Württemberg. Im Flur bleibt sie auch noch angetan bei der jungen Mühltalerin Nico hängen, die neben einem ganzen Karton voller Samentütchen eine Steige vorgezogener Chili-Pflänzchen feilbietet. Roses Wahl fällt letztlich auf eine mildere Sorte, die besonders hübsch aussehen soll.

„Ich finde das ein schönes System, dass man tauscht und sich austauscht“, lobt die Kleingärtnerin aus Mühltal, die ebenfalls zum ersten Mal hier ist. Das Interesse an den Sorten sei hier deutlich höher als etwa auf einem Flohmarkt. Man merke, „dass es nicht um den reinen Konsum und den reinen Ertrag geht“. Auch Rose nimmt hier nicht nur Samen mit, sondern hat auch selbst welche mitgebracht – für Erbsen und Tomaten, „eine alte französische Sorte“. Natürlich.

Mehr Menschen kümmern sich um Klimaschutz-Fragen

Die Nachfrage bei der Saatguttauschbörse wächst beständig, sagt Anna Arnold von „Essbares Darmstadt“. Auch die Klimaerwärmung beschäftige viele Besucher. „Man merkt, dass die Leute mehr nachfragen: Was kann ich machen?“, sagt Arnold. Antwort: Viel Grün in die Stadt pflanzen. Die Initiative selbst arbeitet derzeit an einem stadtweiten Baumpflanz-Projekt. Auch soll in der grünen „Klause“ bald ein wildes Biotop mit zwei Teichen entstehen.

Und die nächste Pflanzentauschbörse ist auch schon geplant: am 10. Mai, wieder in der Klause am Hauptbahnhof.