Darmstädter Klimastreik soll mehr Fahrt aufnehmen

Rund 1500 Demonstranten laufen mit bei „Fridays for Future“-Protestzug über den Cityring. Dazu gab es eine Kundgebung auf dem Friedensplatz.       Foto: Guido Schiek

1500 Demonstranten ziehen bei „Fridays for Future“ über den Cityring. Am Vormittag besetzten Aktive das Ludwig-Georgs-Gymnasium und kündigten mehr Nachdruck für ihre...

Anzeige

DARMSTADT. Grüner Rauch steigt am Freitag vom Dach des Ludwig-Georg-Gymnasiums (LGG) auf und ein Transparent mit dem Ausruf „Besetzt!“ hängt herab. Eine Lehrerin kommt zufällig vorbei, als junge Menschen Plakate im Schulhof aufhängen. „Wer seid ihr“, fragt sie die Gruppe. „Wir machen zur Pause eine Aktion für Fridays for Future“, sagt einer. „Hat das irgendwer abgesegnet?“, will die Lehrerin wissen, bekommt aber keine Antwort.

„Wir müssen den Klimastreik wieder dahin bringen, wo er begonnen hat“, erklärt Silas Bug von „Fridays for Future“ (FFF) Darmstadt. 2019 hatten Schülerinnen und Schüler angefangen, freitags während der Schulzeit für mehr Klimaschutz und die Umsetzung des Pariser Klimaschutzabkommens zu demonstrieren, laut dem die menschengemachte globale Erwärmung auf unter zwei Grad Celsius begrenzt werden soll.

Anzeige

Man wolle auf dem LGG-Schulhof gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern eine Alternative zum Schulalltag aufbauen, erklärt Marei Joachim von FFF Darmstadt. An einem Tisch im Hof werden derweil Buttons geprägt und es läuft Musik.

Proteste werden kleiner

Ein Thema in den Diskussionen mit den Schülern soll auch das Engagement sein, sagt Silas Bug. „2019 waren wir mit 15.000 Menschen auf den Straßen in Darmstadt“, blickt er auf den 20. September vor drei Jahren zurück. Inzwischen seien es nur noch zwischen 1000 und 5000. LGG-Schulleiter Björn Hamburger kommt dazu und bedauert die „überfallartige“ Aktion. „Das ist eine Schule und kein öffentlicher Raum“, macht er deutlich, dass Kundgebungen dieser Art nicht ohne Weiteres möglich seien. Er kenne zum Beispiel nicht die aufgehängten Plakate, müsse aber unter Umständen dafür geradestehen, erklärt er.

Schulleiter Hamburger und eine Lehrerin machen im Gespräch mit der FFF-Gruppe den Eindruck, dass sie sich zu Unrecht als Protestort herausgepickt fühlen. „Wir unterstützen unsere Schülerinnen und Schüler bei Fridays for Future“, betonen sie. „Wir haben drei AGs zum Thema Klimaschutz.“ Bei dem Thema hätte man gut kooperieren können, sind sich die Pädagogen sicher.

Anzeige

Aufklärungsaktion auf dem Schulhof

Nach Rücksprache mit dem staatlichen Schulamt endet das bange Warten, ob es einen Rauswurf gibt oder nicht. Schulleiter Björn Hamburger lässt die FFF-Aktiven auf dem Schulhof gewähren, solange sie den Unterricht nicht stören. Erst können die Besatzerinnen und Besatzer während der Pause bleiben, aber dann auch etwas länger. Rund zwei Dutzend Schüler bleiben im Hof, einige diskutieren mit den FFF-Aktiven. Der Schulleiter steckt sich noch einen „Kein Mensch ist illegal“- und einen FFF-Button aus der Button-Maschine an. Gegen 13.30 Uhr endet die Besetzung und die Gruppe geht zur großen FFF-Kundgebung auf den Friedensplatz.

Die Schulbesetzung am Freitag, wahrscheinlich die erste in Hessen durch Fridays for Future, war ein Vorspiel, wie eine Erklärung von FFF Darmstadt hinweist. „Im Herbst werden weltweit hunderte Schulen, Hochschulen und Universitäten besetzt, um den bisher unbeachteten Forderungen der Klimagerechtigkeitsbewegung Nachdruck zu verleihen“, wird da angekündigt. In Deutschland seien in über zehn Städten Besetzungen geplant. Eine Kernforderung im Herbst sei, dass die Staaten, die die Klimakrise verursachen, den von der Klimakrise betroffenen Staaten alle Schulden erlassen.

Klimagerechtigkeit greift auch in Sozialpolitik

FFF will also wieder mehr über die Schulen wirken, und es wird auch sozialpolitischer auf der Kundgebung am Freitag, an der Menschen aus allen Altersschichten teilnehmen (1500 laut Polizei); darunter auch Gewerkschaften wie Verdi, Parteien wie die Linke oder die Hochschulgruppe Nachhaltigkeit.

„Scheiße teuer“ lautet eine der Anklagen auf dem Friedensplatz, bei dem es um soziale Sicherheit geht. „Das ist ein Protest, der dringend ansteht“, erklärt Juli von der interventionistischen Linken in ihrer Rede. „Explodierende Preise und Energiekrisen bedrohen unseren Alltag“, sagt sie. „Die Preissteigerungen sind eine Folge der Wirtschaftsweise, die Profite statt Bedürfnisse im Blick hat.“ Da der Markt in die Krise geführt habe, sei Vergesellschaftung der Ausweg.

FFF-Redner fordern den radikalen Ausstieg aus den fossilen Energien und lehnen einen Wiedereinstieg in die Atomkraft ab. Sie fordern „Climate Reparations“ für die vom Klimawandel stark betroffenen Länder. Die Staaten des globalen Nordens, die von der Industrialisierung profitieren, müssten die Staaten auf der Südhalbkugel unterstützen und dürften sie nicht weiter als Rohstoff- und Energielieferanten ausbeuten.