Darmstädter IT-Forensiker Martin Steinebach über das Darknet

Archivfoto: dpa

Surfen im Darknet? Verboten ist das nicht, solange man nicht in kriminelle Machenschaften verstrickt ist. Das Darknet bietet ja auch die Möglichkeit, mit anderen Menschen zu...

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DARMSTADT. Surfen im Darknet? Gebrauchsanleitungen für die dunklen Seiten des Internets kann jeder, der will, ganz einfach googeln. Ein Ausflug in die digitale Räuberhöhle scheint eine Art Freizeitvergnügen geworden zu sein. Verboten ist das nicht, solange man nicht in kriminelle Machenschaften verstrickt ist. Das Darknet bietet ja auch die Möglichkeit, mit anderen Menschen zu kommunizieren, ohne ausspioniert werden zu können. Ein Gespräch mit Professor Martin Steinebach vom Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie SIT in Darmstadt.

Was genau ist das Darknet?

Damit wird eine anonyme und verschleierte Internetkommunikation beschrieben. Der Begriff ist Anfang der 2000er Jahre von Microsoft geprägt worden. Damals hatte man File-Sharing-Netze, mit denen zum Beispiel urheberrechtlich geschützte MP3-Musikdateien getauscht wurden, so bezeichnet. Heute ist das Darknet ein Internet-raum, in dem etwas Geheimes und nicht immer ganz legales stattfindet.

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Wie funktioniert die Kommunikation im Darknet?

Im Prinzip werden die Nachrichten über ein Netzwerk technischer Mittelsmänner bewegt. Es ist wie beim Stille-Post-Spiel: Ich kommuniziere nicht direkt mit jemanden, sondern ich sage einer anderen Person das, was ich jemanden sagen will. Wenn man das über ganz viele andere Personen hinweg macht, dann lässt sich am Schluss nicht mehr herausfinden, wer im Endeffekt mit wem gesprochen hat. Zudem wird die Nachricht, die von Computer zu Computer springt, vom Tor-Netzwerk verschlüsselt, sodass nur der letzte Computer im Netz die entschlüsselte Nachricht kennt.

Gibt es noch andere Möglichkeiten, anonym im Web unterwegs zu sein?

Das Freenet ist beispielsweise eine Infrastruktur, welche zum anonymen Dokumentenaustausch genutzt wird. Es ist Ausdruck einer anderen Philosophie als das Darknet: Bei Freenet werden Dokumente in einem Netzwerk auf ganz viele Rechner verteilt - lesen kann das Dokument allerdings nur, wer den Schlüssel dafür hat.

Das heißt, ich habe auf meinem Rechner dann viele verschlüsselte Dateien, die gar nicht für mich sind?

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Ja, Freenet bietet dadurch eine zensurfreie und sehr widerstandsfähige Infrastruktur, die sich auf alle Teilnehmer des Netzwerks erstreckt. Der Vorteil: Wenn jemand versucht, ein Dokument zu löschen, kann er nie sicher sein, dass es wirklich aus der Welt verschwunden ist. Es könnte noch auf irgendeinem Rechner liegen, aber ohne den passenden Schlüssel kommt er da nicht ran.

Das Darknet ist Handels- und Kommunikationsplatz für Kriminelle - wie kommen IT-Forensiker ihnen auf die Spur?

Wir haben es mit einem System zu tun, das versucht, Ermittlungen zu erschweren. Aufgabe von IT-Forensikern ist es, die Technik zu analysieren und Lücken zu finden. Das Problem beim Darknet: Es gibt keine IP-Adressen. Damit können Sie den Standort der Person nicht ohne Weiteres feststellen. Aber es gibt ganz klassische Strategien, dies herauszufinden. Etwa indem man einem Kriminellen eine präparierte Word-Datei zusendet und ihn dann dazu verleitet, diese Datei zu öffnen. Nehmen wir an, es ist eine Microsoft-Office-Datei, die automatisch Bilder über einen ganz anderen Internetkanal lädt. Dann kann man nachvollziehen, von welcher IP-Adresse das Bild hochgeladen wurde.

Surfen Sie manchmal nur zum Spaß im Darknet?

Nein, ich mache das nicht. Aber das Darknet ist längst in der Gesellschaft angekommen. Es gibt beispielsweise Verzeichnisse mit Adressen, wo man was im Darknet findet. Und man kann auch ganz normale World-Wide-Web-Seiten über das Tornetz aufrufen, etwa um beim Internet-Einkauf bessere Angebote zu erhalten. Ich weiß von älteren Herrschaften, die das Tor-Netzwerk fürs Online-Shoppen nutzen. Sie tarnen so ihre Einkäufe, weil sie festgestellt haben, dass je nach Rechner, Waren zu unterschiedlichen Preisen angeboten werden.

Illegal ist das nicht?

Nein. Das Darknet ist nicht per se gefährlich, solange Sie nicht versuchen, Drogen, Waffen oder Kinderpornografie zu verbreiten oder zu erwerben. Sie dürfen sich ja auch im realen Leben rund um den Bahnhof bewegen - obwohl dort vielleicht Drogen verkauft werden. Die US-Regierung unterstützt sogar den Torbrowser, weil er eine freie Kommunikation erlaubt - in Diktaturen zum Beispiel.

Von Das Interview führte Sabine Schiner