Darmstädter Geheimnisse: Das Jazzinstitut

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Wolfram Knauer vor dem Darmstädter Jazzinstitut - dem Haus mit der Wettertrompete. Neben ihm steht die Bronzefigur "Little Walter" des Darmstädter Bildhauers Detlef Kraft. Foto: Michael Kibler

Die Darmstädter Einrichtung beherbergt die größte Jazzsammlung in Europa und auf dem Dach einen einzigartigen Wetteranzeiger: Eine Trompete.

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DARMSTADT. Sie haben eine lange Tradition: Wetterhähne. Bereits im 9. Jahrhundert zierten sie Kirchtürme oder Hausdächer. Auf dem Dach des Gebäudes in der Bessunger Straße 88 jedoch thront eine Wettertrompete. "Wahrscheinlich ist sie die einzige auf der ganzen Welt", sagt Wolfram Knauer vom Jazzinstitut in Darmstadt mit einem Schmunzeln. Seit dem 1. September 1990 leitet er das Institut - also vom ersten Tag seines Bestehens an. Gespendet hat den einmaligen Dachaufsatz der Darmstädter Architekt Ernst-Friedrich Krieger.

Das schmucke Gebäude, in dem das Jazzinstitut untergebracht ist, ist ziemlich genau 300 Jahre alt. Es handelt sich um das größte Haus des Ensembles "Bessunger Jagdhof". "Von hier aus startete Landgraf Ernst Ludwig (1667-1739) seinerzeit seine Parforcejagden. Sie waren beim Adel weitaus beliebter als bei den Bauern, deren Felder nach einem solchen Ritt eher einem Schlachtfeld glichen", erläutert Knauer die Historie.

Trompete als Hauptinstrument des Jazz

Doch wieso ausgerechnet die Trompete als Windanzeiger? Sie gilt als das Hauptinstrument des Jazz. Zumindest sah das Joachim-Ernst Berendt (1922-2000) in seinem Standardwerk "Das Jazzbuch" so, und das bereits in der ersten Auflage von 1953. Duke Ellington, Miles Davis oder John Coltrane - auch wer Jazz nicht hört, kennt zumindest die Namen der bekannten Jazz-Musiker. Berendt war über 40 Jahre lang Redakteur beim damaligen Südwestfunk in Baden-Baden - und hatte sich um den Jazz seit den 50er-Jahren bis zu seinem Lebensende verdient gemacht. Sein Jazzbuch gilt als das deutschsprachige Standardwerk und wird in überarbeiteten und erweiterten Versionen auch heute noch angeboten.

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Und ohne Joachim-Ernst Berendt gäbe es auch kein Jazzinstitut. Denn die Geschichte des Jazzinstituts geht trotz seiner Gründung 1990 schon auf das Jahr 1983 zurück. Damals konnte die Stadt die Sammlung des Jazzpapstes Berendt ankaufen. Zunächst nur als Erweiterung des renommierten Darmstädter Internationalen Musikinstituts gedacht, wurde das Oeuvre die Grundlage einer eigenständigen städtischen Einrichtung.

Drittgrößte Jazzsammlung weltweit

Das Gebäude im Stadtteil Bessungen und das Außenlager in Griesheim beherbergen inzwischen Europas größte öffentliche Jazzsammlung. "Und weltweit stehen wir - nach New York und New Orleans - an dritter Stelle", so Knauer. Das Institut versteht sich dabei nicht nur als Forschungsstelle. Geschätzt bietet die Einrichtung eine Heimat für über 80.000 Tonträger, darunter neben klassischen LPs, Singles und CDs auch über 14.000 Schellackplatten.

"Uns erreichen pro Tag bis zu 100 Anfragen, meist per E-Mail. Gerade bei Wissenschaftlern und Studenten, etwa aus den Fachbereichen Musik und Soziologie, haben wir einen einzigartigen Ruf." Das liegt unter anderem daran, dass das Institut einen Zeitschriftenbestand pflegt, der bis in die Anfänge des Jazz in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts zurückgeht - auf Englisch, Deutsch, Französisch und teilweise sogar auf Japanisch.

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Zentrum auch für private Besucher offen

In der Musikszene ist das Jazzinstitut gut vernetzt. 2015 hat es mit Unterstützung des Bundesministeriums für Kultur und Medien eine Studie zu Lebens- und Arbeitsbedingungen von Jazzmusikern in Deutschland initiiert. "Wir sind eigentlich an allen kulturpolitischen Diskussionen beteiligt, die den Jazz betreffen", betont Knauer. Daneben aber steht das Institut auch privaten Besuchern offen. "Es ist unser Motto, dass wir jede Frage ernst nehmen und uns um eine fundierte Antwort bemühen."

Und während die Woche über im Gebäude des Jazzinstituts geforscht wird, spielt freitagabends im darunterliegenden Gewölbekeller die Musik. "Die Mischung macht dabei den großen Reiz aus", so Knauer, "hier spielen sowohl Jazzer aus der Umgebung als auch international renommierte Künstler."

Internationale Bekanntheit des Instituts

Den Ruf, den das Institut besonders in Amerika genießt, macht folgende Anekdote besonders deutlich: "Als Darmstadts Oberbürgermeister Jochen Partsch einmal in New York war, wurde er von der Hausherrin der Pension, in der er übernachtete, gefragt, woher er käme", berichtet Knauer. "Er sagte 'Darmstadt, Germany' und wollte gerade zu einer weiteren Erklärung ansetzen, dass das in der Nähe von Frankfurt am Main liege. Dazu kam er nicht. Die Dame sah ihn mit großen Augen an und sagte: 'Oh die Stadt des berühmten Jazzinstituts!' "

Die Wettertrompete auf dem Dach steht ebenfalls für die Verbindung in die USA, immerhin die Wiege des Jazz: Da der Wind hier meist von Westen weht, zeigt das Mundstück der Trompete bevorzugt in Richtung des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten.

Von Michael Kibler